Verein für kreatives Schreiben e.V.

Text des Monats Juli 2021


Das Meer 

 

von Barbara Ludwig


Das Meer! Ich hole Luft, die Großstadt mit ihrem Lärm liegt hinter mir. Ich genieße den Blick auf das tiefe Blau des Atlantiks, freue mich an den weißen Schaumkronen, die an den halbmondförmigen langen Strand wie Zungen lecken, schmecke die salzige Luft, höre das gleichförmige Anschlagen der Wellen und versuche, deine Abschiedsworte zu vergessen. Sie schmerzen - noch immer. 

Meine Zehen werden vom Wasser umspült und Sand sickert durch die Zwischenräume, während ich mit gesenktem Kopf den Strand entlangwandere. Der Sand ist goldgelb und grobkörnig, so ganz anders als der feine, weiße Sandstaub in der Karibik, wo wir uns zum ersten Mal trafen. 

Ich höre den Flügelschlag einer Möwe, ihr Kreischen über mir und hebe den Kopf. Plötzlich sehe ich dich wie damals in den Dünen stehen und dein langes, rotbraunes Haar am Hinterkopf zu einem Pferdeschwanz zusammenbinden. Ich bleibe stehen. Du streifst deinen Pulli über den Kopf, gönnst mir keinen Blick. Ich rätsele, ob du mich überhaupt gesehen hast.

Du stürmst Richtung Wasser. Dein kleiner, flacher Busen ist unbedeckt, ein winziges Bikiniunterteil umspannt deinen hübschen Po. Eine Minute später höre ich deinen Aufschrei, er ähnelt dem Möwenschrei. Ich schaue auf die Wellen, sehe deinen Kopf auftauchen und wieder abtauchen. Mit kraftvollen Stößen schwimmst du durch die Brandung, ohne dich um die heranrollenden Wellen zu scheren. 

Der Strand ist leer. 
Wir sind die einzigen Menschen. 
Adam und Eva? 
Ich warte. 

(Aus dem e-Book "Tango in Berlin" erschienen im ABW Verlag)