Verein für kreatives Schreiben e.V.

Text des Monats September 2021


Gestrandet

 

von Susanne Grohs-v.Reichenbach

An einem Strand im Mittelmeer saß ein Mann und blickte aufs Wasser. Er bewegte sich nicht und schien den Urlaubstag zu genießen. Ein Buch lag neben ihm im Sand. Dieser Mann mit silbrig-braunem Haar und kleinem Bauchansatz war ich.

Gleichmäßig tauchte weiter draußen ein Paddel ein und schob die auf dem Brett stehende Frau über das Wasser. Ab und zu wechselte sie die Seiten und tauchte es mal rechts, mal links ein. Sie schien dahin zu gleiten, als wäre sie längst angekommen. Darum beneidete ich diese Unbekannte, denn ich selbst war nach unserem letzten Aufenthalt auf dieser Insel wie haltlos auf dem Meer getrieben.

Mein Blick folgte dem Funkeln der Sonnenstrahlen auf den winzigen Wellen. Dieses Glitzern verband ich mit einer ungeheuren Kraft, die jeden Nachmittag aufs Neue Himmel und Wasser verband.

Knorrige Pinien, die sich wie Fabelwesen die Felsen hinaufwanden, gaben dem Sommerwind ihren Duft mit auf die Reise durch die Bucht. Das goldene Licht im Spätsommer liebten wir besonders.

Mit dem einlullenden Murmeln der Wellen merkte ich, wie die Hitze meinen Körper immer schwerer machte. Du mochtest es immer, wenn ich das Sichtbare um uns herum beschrieb. So wie jetzt. Doch du hättest auch die Worte für innere Welten, die mir nicht einfallen wollten.

Meinen Sessel aus Segeltuch rückte ich nun vor ins flache Wasser und fuhr mit den Zehen die harten Wölbungen des Sandes nach.

Am Strand waren heute einheimische Familien erschienen mit ihren Vorräten, Spielzeug und Schirmen für einen langen Strandtag, denn es war ein Sonntag im September nach den großen Ferien. Gedrängt saßen Alt und Jung auf Luftmatratzen, dösten im Schatten oder standen im Wasser und lachten mit den Kindern. Die jungen Mütter trugen ziemlich knappe Bikinis, die ich im Schutz der Sonnenbrille, hin und wieder begutachtete.

Mir ging bei diesem Familientreiben befremdend durch den Kopf, wie seltsam es sein würde, unsere Zweisamkeit zu verlassen. Über eigene Kinder haben wir noch nie gesprochen. Aber war das auch ein Grund für dich gewesen?

An Urlaubstagen wie diesem neigte ich dazu, meine Gedanken sich selbst zu überlassen. Vielleicht lag es auch am sanften Rollen der Wellen, das mein Bewusstsein zugleich schläfrig und glasklar machte.

Es kam eine kleine Brise auf, die wie eine Feder über die Haut strich, und die Klippen am anderen Ende der Bucht standen jetzt wie ausgeschnitten vor dem Blau des Himmels an diesem Nachmittag. Die Häuser und die Gestalt der Hänge verschwanden ganz allmählich im Dunst. Segelboote schwebten weit weg über das silberne Meer.

Morgen würdest du nachkommen in den Süden. Eine gemeinsame Anreise hätte mir viel bedeutet, gerade dieses Mal, doch deine beruflichen Termine ließen es nicht zu. Dieser Teil des Alltags drängte sich oft zwischen uns, aber meistens konnte ich das hinnehmen.

Ich verzog den Mund, wohl wissend, dass es hier niemanden geben konnte, der sich für mein Bedauern interessieren würde. Also drehte ich meine Regung in ein Lächeln, denn mir wurde beim Anblick der ausgelassen Badenden leicht zumute.

In meinen ziellosen Gedanken tauchte ohne dass ich wüsste wieso, Erik auf. Seit Jahren war dieser Studienfreund aus meinem Leben verschwunden; jetzt sah ich deutlich seine gedrungene Gestalt vor mir, die schulterlangen Locken und die vorspringende Nase. Wir führten damals nächtelang Debatten über Lyrik und zugegebenermaßen nur halbgelesene philosophische Werke.

Erik bezeichnete sich selbst als leidenschaftlichen Romantiker, der alles über diese Epoche verschlang. Als er eines Tages zu einer Reise in die Südsee aufbrach, konnte man erahnen, was er suchte im Inselparadies. Nach acht Wochen kehrte er zurück. Als verheirateter Mann, der seine große Liebe aus Polynesien so bald wie möglich nachkommen lassen wollte. Einige Fotos zeigten ihn mit einer jungen Frau in traditionellen Gewändern auf Holzstühlen mit kunstvoll geschnitzten Rückenlehnen.

Meine Fantasien von Exotik wurden durch seine Reiseberichte erschüttert, denn er sagte, dass ihr Vater dieser Heirat nur deshalb zugestimmt habe, weil er annehmen konnte, dass seine Tochter in Europa in einem Haus mit Fernseher und Kühlschrank leben würde.

Eriks Frau kam zum Sommer in unsere kleine Stadt. Wir alle, besonders aber seine Familie, hofften, dass sie bei dem Wort „Zuhause“ irgendwann auch an unser Städtchen denken würde. Als der Winter kam und die Begeisterung für das mühelosere Leben mit Gefriertruhe, Auto und Aufzügen im Alltag verschwand, saß Eriks Frau immer häufiger still und fahl im Zimmer und zupfte am Rollkragenpullover, den ihr die Schwiegermutter gestrickt hatte. Erik verlangte, dass sie nur noch in Deutsch mit ihm sprechen sollte, was ihr oft schwer fiel. Er, der angehende Sprachlehrer, hatte jedoch mehr erwartet.

Im Frühjahr konnte sie einige Wochen zu ihrer Familie reisen. Sie kam strahlend mit Geschenken wieder und ihr Haar glänzte wie schwarze Seide. Doch dann wurde sie für längere Zeit krank. Erik verlor die Geduld und zog in eine eigene Wohnung. Seine Mutter trocknete ihre Tränen und half der Frau aus der Südsee, einen beruflichen Weg zu finden. Eriks Mutter blieb ihre Freundin und sie selbst fand später einen neuen Mann. Ich sollte Erik wieder einmal schreiben, dachte ich.

Vielleicht würdest du auch weggehen wollen? Ich hatte dich nie danach gefragt.

Letztes Jahr saßen wir oft zusammen an diesem Strand und warteten vergeblich darauf, dass uns an den schimmernden Nachmittagen fad würde. An jenem Tag allerdings, der meine Reise durch das Leben in eine Irrfahrt wandeln sollte, waren wir früh zu einem Ausflug aufgebrochen.

Wir wanderten im sanft ansteigenden Gebirge hinauf zu einem Berg voller Felsvorsprünge, über steinige, mit Piniennadeln bedeckte Wege. Vorbei an Fächerpalmen, Ginster und Olivenplantagen. Manchmal störten wir durch unsere Schritte eine Bergziege oder ließen Fasane zeternd aufflattern. In der heißen Mittagssonne stand das sandfarbene Herrenhaus einer Finca. Das ursprüngliche Bewässerungssystem aus steinernen Wasserbecken und Kanäle war noch in Betrieb, um die Mandel- und Orangenplantage zu versorgen.

Wir begegneten keinem Menschen und sprachen wenig. Später führte uns der Zufall zu einem Strand, dessen weißer Sand das Wasser Türkis leuchten ließ. Wir saßen auf den Steinen in der winzigen Bucht und ließen uns immer wieder ins Wasser fallen. Ich erinnere noch jetzt den Klang deines Lachens und den übermütigen Glanz in deinen Augen, doch gerade dann steigt wie immer das raue Gefühl in der Kehle auf, weil die Erinnerung daran es so will.

Jetzt, da du nicht hier bist, kann ich mich leichter in das, was dann kam, hineinfühlen. Besonders in den Augenblick, der in mir etwas zerbrochen hat.

An diesem Tag, hielten wir auf der Rückfahrt in einem verschlafenen Dorf an, um unter gelben Lichtern in berankten Pergolen zu Essen. Wie manchmal wollten wir etwas bestellen, was wir zuvor noch nie gekostet hatten. Ich glaube immer noch, dass wir damals einander besonders nah waren. Fortuna schien allein auf unserer Seite zu sein. Dein Gesicht wurde in weiches Licht getaucht und dein Blick sank immer wieder in mein sogleich heftig klopfendes Herz. Du warst sehr schön an diesem Abend. Wusstest du das?

Auch jetzt spürte ich, wie mir der Atem stockt. Ich stand auf, um ein paar Schritte am Saum des Wassers zu gehen. Als du ins Restaurant gingst, um den letzten Sand aus deinem Haar zu kämmen, leuchtete auf deinem zurück gelassenen Smartphone etwas auf. Die Serviette lag halb darüber, doch ich erkannte das Wort „Dich“ und es zog mich sofort magnetisch an.

Als ich das Gerät wieder an seinen Platz geschoben hatte, überflutete kalte Leere meine Brust. Ich war innerhalb weniger Sekunden ohne Kompass aufs offene Meer hinaus getrieben worden. Mein Herz schlug hart und wollte mich zu einer Reaktion zwingen.

Dir war nichts anzumerken, als du dich wieder an den Tisch setztest. Kein Erschrecken oder Flackern im Blick wie bei Kindern, die sich ertappt fühlen. Also kanntest du diesen Zustand. Nicht nur mich zu lieben.

Ungern treffe ich das kalte Entsetzen wieder, das meine Ohnmacht mir damals einpflanzte. Manchmal frage ich mich, wie tief verborgen damals der Schmerz grub, denn du schienst ihn nicht zu bemerken.

Meine Eifersucht oder meine Furcht, dich zu verlieren – ich wusste lange nicht, was schlimmer war. Dann kam der Zorn dazu.

Ich fing an zu lauern. Tag und Nacht. Umschlich meinen flachen Atem, ob er Worte bilden könnte. Worte, die ein Anfang wären. Doch sie kamen nicht.

Alles was du machtest, sagtest und nicht sagtest, durchwühlte das Schwarze meiner Seele nach Zeichen, wohin dein Herz dich tragen würde.

Wenn du mich nicht treffen konntest oder auch nur etwas zu spät kamst, war es am schlimmsten. Doch die gemeinsamen Stunden und Nächte belebten mich immer wieder, auch wenn ich das Gefühl des Abschieds ständig mit mir herum trug.

Manchmal kam es mir vor, als würdest du häufiger Fragen über uns stellen, die ich jedoch kaum beantworten konnte, denn sie fielen sofort in dieses tiefe Loch, das sich in meinem Inneren gebildet hatte.

Mein Schweigen verstimmte dich immer mehr, ich konnte es sehen, und dein Gesicht verlor sein Leuchten.

Irgendwann, in der Kälte des Winters glaubte ich, keine Küste mehr zu sehen, die ich ansteuern könnte. Eis griff nach meiner Sprache. Sie begann, einzufrieren. Einmal lagst du am Abend schläfrig auf dem Teppich in meinem Wohnzimmer. Wir ließen nur Kerzen und den Kamin brennen und hatten den Nachmittag mit Lesen verbracht.

Jetzt war es draußen dunkel und ich nahm die mallorquinische Schale mit den vielen kleinen Tannenzapfen, die wir zusammen im Wald gesammelt hatten, bevor der erste Schnee fiel.

Ich begann, damit auf dem Boden eine lange geschwungene Spur zu legen, von deinem Kopf weg, bis in die andere Ecke des Zimmers. Dort saß ich regungslos und dachte daran, was werden würde.  Als du aufwachtest, fragtest du erstaunt, was das Gebilde darstellen sollte.

„Ich suche einen Weg zu deinem Bewusstsein“, sagte ich ruhig und ohne Zögern. So, als wäre nichts anderes möglich. Nach einem erstauntem Schweigen begannst du erst zu sprechen, dann zu weinen, bis ich dich irgendwann so fest hielt, wie ich konnte.

Ich stellte meinen Stuhl wieder in den Sand, in die Nähe eines Felsens mit etwas Schatten und ließ den Atem ohne Mühe den Brustkorb bewegen.

In jener Nacht, so schien es, konntest du dich entscheiden. Und das Lebendige und Echte kehrte erst zu dir, dann zu mir zurück. Vorsichtig keimte die Freude, zufällig der Mensch zu sein, den du nah bei dir haben wolltest.

Es war gut, auf unsere eigenen Zeichen, die nur manchmal Worte sind, zu warten. Du bist auf dem Weg hierher zu unserem Strand. Und nur das zählt.

Weil ich weiß, dass ich immer auf dich warten werde.