Verein für kreatives Schreiben e.V.





Jenseits von Charlotte Hofmann

Unter dem See scheint das Wesentliche greifbar zu sein   Lord Byron 1788-1824

Helfried ist von Wasser fasziniert, Elwine hat es immer als Bedrohung empfunden. Im letzten Sommer hat sie ihn verlassen. Er kann es nicht ändern, muss sich damit abfinden. Wasser auf der Haut bringt Klarheit, Wasser trinken bringt Wahrheit, meint Helfried. Seine Frau Elwine konnte das nicht nachvollziehen.
Fast jeden Sommertag nach dem Verschwinden von Elwine verbringt er auf der Bank am See, schaut auf das jenseitige Ufer, die glitzernd grünblaue Fläche und den meist wolkenverhangenen Himmel. Die Hände liegen neben ihm. Bittere Gedanken sind in die Ferne gerichtet.
Jetzt ist Winter. Die Bank vor dem See mit Schnee bedeckt. Helfried steht daneben, streift mit der Hand die Flocken von der Lehne, lässt sie in seinen Händen schmelzen. Er denkt daran, wie sein Nachbar vor ein paar Tagen mit ihm am Seeufer entlangging und von Elwines gutem Streuselkuchen schwärmte. Helfrieds Herz wurde schwer, und er war froh, bald wieder zu Hause zu sein.
Auf dem Schreibtisch liegt das Englische Kinderbuch Children`s Heaven, sein neuestes Projekt, schon zur Hälfte übersetzt. Er schaut durch das Fenster, sieht, wie die Zweige sich biegen und den Schnee abschütteln. Die Kälte scheint durch die Fensterritzen ins Zimmer zu kriechen und auf seiner Haut zu verharren. Er atmet tief ein, zögert, schreibt einige Worte, löscht das Geschriebene, kommt nicht weiter, denkt an Elwine, die ihm bei Blockaden weiterhalf. Als Grundschullehrerin verstand sie gut die Welt der Kinder, wusste, was Kinder lieben.
Er trinkt ein Glas Wasser, greift nach dem Gedichtband von Lord Byron und liest:

Darkness
I had a dream, which was not all a dream.
The bright sun was extinguish´d, and the stars
Did wander darkling in the eternal space…

Am nächsten Tag zieht es ihn wieder hinaus zum See. Er setzt sich auf die Bank, schaut hinüber auf das jenseitige Ufer und wird von Sehnsucht erfüllt, einer Sehnsucht nach dem Unendlichen. Die Zeit scheint zu fließen, und er ist ein Teil dieser Zeit. Helfried kommt sich einerseits erstarrt vor wie die gefrorene Oberfläche des Sees, andererseits lebendig wie das Wasser unter der Eisschicht.
Schließlich steht er auf, geht hinunter zum See. Der Reif auf den Grasbüscheln knistert bei jedem Schritt unter den Schuhen. Er betritt langsam das Eis, das nah am Ufer noch leicht von Wasser bedeckt ist. Bei jedem Schritt genießt er die Oberfläche, die ihm Halt gibt. Das jenseitige Ufer scheint zu Fuß leicht erreichbar zu sein. Während sein Blick über die glitzernd bläuliche Fläche streift und an der Grenze zwischen Himmel und Wasser verharrt, spürt er plötzlich, wie das Eis knirschend nachgibt. Es zieht ihn in die Tiefe. Er schlägt mit den Armen um sich, schnappt nach Luft. Aber keine Angst. Er beginnt zu verstehen. Das ist es also, was er gesucht hat. Hier scheinen sich Leben und Tod zu begegnen. Hier scheint das Wesentliche greifbar zu sein. Hier fühlt er sich Elwine nahe, die im letzten Sommer leblos aus dem See gezogen wurde. Lange machte er sich Vorwürfe, dass er seine Frau, eine unerfahrene Schwimmerin, am See allein ließ.
In diesem Moment scheint alles einen Sinn zu bekommen, ihr Mut, seine Nachlässigkeit und die Sehnsucht nach Wiedersehen.
Er denkt an Lord Byron`s Spruch:

Der Gipfel menschlicher Erkenntnis ist es, die Nichtigkeit des Irdischen zu erkennen.