Verein für kreatives Schreiben e.V.

Text des Monats November 2020

Perche’ l’amore difficile

von Helga Ziehfreund


Weihnachten am späten Vormittag. Ein Bilderbuchsonntag. Überall funkelnder Schnee. Fein staubt er von den Dächern und explodiert in unendlichen Farben. Antonella hört von Ferne Kinderlachen. Sie geht ans Fenster, die goldbraunen Haare offen, ungeschminkt, mit einer Jogginghose und einem hellblauen Kapuzenshirt bekleidet. Sie friert noch immer, trotz Schal und Wärmflasche in der Nacht. Sie spürt nicht die Wärme auf ihrer Haut. Schweigend schaut sie hinaus und denkt an den gestrigen Tag. Sie ist wütend und enttäuscht zugleich.
»Ich will dich heute nicht sehen, du kannst mir gestohlen bleiben«, schreit ihr Inneres, doch sie weiß genau, wenn Marcello jetzt vor ihr steht – ist sie wieder weich, weich wie Zuckerwatte.
Schrill läutet es an der Türglocke. Sie erschrickt, als stünde der Teufel persönlich davor. Auf Zehenspitzen schleicht sie zur Tür und erkennt durch den Spion, undeutlich die Silhouette eines Mannes mit bunter Mütze.
»Oh Gott, da ist er ja! Was mach ich nur. Ich lass ihn nicht rein.«
Ihr Herz schlägt Purzelbäume. Sie wartet. Es läutet wieder und wie benebelt öffnet sie die Tür. Marcello steht grinsend vor ihr in Jeans, anthrazitfarbener Lederjacke, darunter einen graumelierten Pullover und mit bunter Wollmütze. In der Hand hält er eine Tüte.
Antonella starrt ihn wortlos an und zieht den Schal leicht vor ihr Gesicht.
»Du wolltest doch anrufen, bevor du losfährst, hast du gesagt. Ich bin noch nicht fertig. – Ich bin grippig, ich will dich nicht anstecken.«
»Das macht nichts. Du könntest mich aber zum Beispiel reinlassen.«
»Sorry. Natürlich. – Entschuldige, komm rein.«
Ihr Blick fällt auf den roten Beutel in seiner Hand.
»Was hast du da in der Tüte?
»Ach so, Eier. Ich hab uns Eier mitgebracht. Du siehst übrigens hübsch aus, bleib so. Komm wir frühstücken erst mal.«
Marcello will sie in die Arme nehmen, aber sie weicht aus.
»Ich hab noch keine Zähne geputzt.«
»Ich küsse dich aber trotzdem«, und er will sie erneut in die Arme nehmen, doch wieder windet sie sich geschickt aus seiner Umarmung.
»Was hast du denn – darf ich dich jetzt nicht mehr küssen?«
»Doch, aber – tut mir leid. Ich – ich kann nicht. Ich freue mich ja, dass du gekommen bist, wirklich.«
»Warum lässt du mich so stehen. Was ist los mit dir? Liebst du mich nicht mehr?«
»Du verstehst wieder einmal gar nichts! – Du hast mich gestern so verletzt, schon vergessen? So hast du früher nie mit mir gesprochen. Jedes Mal geht es mir hinterher schlecht. Ich will das nicht mehr.«
»Antonella! Ich hab auch einen Beruf, der mich fordert.«
»Ich aber auch!«
Sie wendet sich ab, dreht sich zum Fenster und schaut in den Schnee hinaus. Und diesmal weiß sie, sie ist stark genug. Sie fühlt es, tief in ihrer Seele. ›Ich verlasse dich, wenn es wieder zum Streit kommt, auch wenn es mir das Herz bricht.‹
Es ist still, keiner spricht ein Wort. Ein Sonnenstrahl verfängt sich in ihren Haaren. Er bemerkt den rötlich, leuchtenden Schimmer, tritt hinter sie, will sie berühren, will ihr zärtlich über das Haar streichen. Doch etwas hält ihn zurück.
Abrupt dreht sich Antonella um. Schmerz und Angst liegen in ihren Augen. Sie sieht auf ihre Hände. Ihre Finger verschlingen sich ineinander, als wollten sie Halt suchen, wie ein kleines Kind, das fest die Hand seiner Mutter hält.
»Marcello, es ist mir wirklich ernst. Wie soll das mit uns weitergehen. wie stellst du dir das vor?« Ihre Stimme vibriert. »Jedes Wochenende Streit. Das kann doch nicht sein!«
Tränen verschleiern ihren Blick.
»Es tut mir leid, Antonella. Ich wollte das nicht.«
Hilflos zuckt er mit den Schultern.
»Ich war gestern total fertig.«
»Aber warum denn?«, fragt sie.
»Ein wichtiger Vertrag ist geplatzt.«
»Endgültig?«
»Leider ja«
»Kannst du nichts mehr ändern?«
»Du meinst wegen der festen Zusage? Was soll das jetzt noch bringen. Das Rennen macht halt ein anderer. – Aber das ist noch nicht alles. – Einen Auftrag habe ich noch, doch entschieden wird erst im Neuen Jahr.«
»Warum denn das?«
»Keine Ahnung. Zeitprobleme, Handwerker, vielleicht«. Er zuckt mit den Schultern. »Weißt du, wie sich das für mich anfühlt? Einen kann ich noch auffangen. Aber was dann? Ich brauche den Auftrag.« Dabei gestikuliert er mit beiden Armen, und geht von einer Wand zur anderen, bis er vor ihr stehen bleibt. »Verzeih mir, wenn ich immer allen Frust an dir auslasse, Amore. Ich will dich nicht verlieren. Ich liebe dich doch und das weißt du.«
»Schon, aber warum hast du nichts gesagt?
»Ich weiß es nicht«, entgegnet er.
»Marcello, wir haben bis jetzt immer über alles geredet, egal ob Geschäft oder privat. Uns ist bis jetzt immer etwas eingefallen, wie du weißt. Manchmal bist du unausstehlich und merkst es nicht einmal. Du meckerst an allem rum. Rede bitte das nächste Mal mit mir. Bitte!«
»Bin ich so schlimm?«
»Ja!«
Leidenschaftlich redet Antonella weiter: »Damit du jetzt auch gleich alles weißt. In letzter Zeit, dachte ich immer öfter, das ist nicht mehr der Marcello, den ich kenne. Ich verstand dich einfach nicht mehr. Okay, dann haben wir halt weniger Geld. Na und? Unsere Miete können wir schon noch bezahlen und ein bisschen mehr auch. Wenn wir so weiter machen, wie bisher, ist von unserer Liebe nichts mehr übrig. Willst du das?«
Betreten sieht er auf seine Schuhspitzen, zum Fenster hinaus, beobachtet ein Eichhörnchen, das an einem schneebedeckten Ast von oben nach unten läuft, auf einen anderen hüpft, und auf einmal ist wieder so viel Entschlossenheit und Zuversicht in ihm, dass er sich über sich selbst wundert.
»Komm Antonella, vergessen wir alles. Es ist Weihnachten. Das Neue Jahr wird bestimmt gut.–«, und fast ist er wieder wie immer.
Sie sieht auf seine Hände und im selben Moment spürt sie seine Zärtlichkeit auf ihrem Gesicht. Das Gefühl verwirrt ihre Sinne. Sie reißt sich los, doch ihr Blick versinkt in dem seinen.
»Wir müssen es schaffen, Amore«, sagt er leise. »Da ist so viel Liebe, die dürfen wir nicht zerstören. Lass uns noch einmal starten.«
Er geht einen Schritt auf sie zu, drückt sie fest an sich, vergräbt sein Gesicht in ihren Haaren und findet endlich ihren Mund. Diesmal wehrt sie sich nicht.