Heiße Sommer und kalte Winter
Barbara Ludwig
Kontinentale Hochdruckwetterlagen sorgen in Berlin für heiße Sommer und kalte Winter – jedenfalls war das in meiner Kindheit so. Eines unserer Spiele bestand darin, vorbeikommende Autos zu zählen. Bei dem geringen Verkehr eine Geduldsprobe. In jenem Wintertag fuhr überhaupt kein Fahrzeug. Hoher Schnee bedeckte die Fahrbahnen. Für uns Kinder ein Grund zum Jubeln und einer, den Schlitten aus dem Keller zu holen.
Mein jüngerer Bruder durfte den neuen Schlitten nehmen und ich musste mit dem alten aus der Vorkriegszeit vorliebnehmen. er hatte meinem großen Bruder gehört, den ich nie kennenlernen durfte. Er war im Krieg gefallen. Meine Mutter liebte diesen Schlitten, an ihn knüpfte sie viele Erinnerungen. Ich zog mit meinem Schlitten los. An der Ecke wartete mein Klassenkamerad Horst. Es ging zum Poststadion und zum Schuttberg, unserem Rodelberg. Die Abfahrt verfügte über eine schöne Kurve, einige Höcker und war nicht ohne. Natürlich herrschte Hochbetrieb bei diesen Idealbedingungen.
Runter ging es schnell und beim Hochstapfen wurde mir sogar wieder warm. Obwohl meine Kleidung in jener Zeit alles andere als winterfreundlich war. Die Wollsachen saugten sich schnell mit Feuchtigkeit voll und hingen schwer an einem. Und, wenn man den Fuß zum Bremsen einsetzte, ließen die Halbschuhe dem Schnee viel Raum. Die Kälte kroch von den Fußsohlen hoch bis zu dem freien Stück Oberschenkel., Strumpfhosen existierten noch nicht, man trug Strumpfhalter. Immerhin gab es inzwischen auch für Mädchen Hosen. Ich besaß eine und war überaus stolz darauf. Ein Schottenkaro hatte sie, Blau und Grün, ja, ich liebte sie, wie die wilde Fahrt den Berg hinunter. Aber nie uns nimmer hätte ich das wertvolle Stück zum Rodeln angezogen.
Im Laufe des Nachmittags fand ich schnell heraus, welche Eisplatte ich lieber mied, wann ich besser bremste und wann ich mich ganz nach hinten streckte, um richtig in Fahrt zu kommen. Die Zeit verlor den Maßstab, die Stunden rannen davon und irgendwann verschwammen die Konturen der Abfahrt im diffusen Abendlicht. Ein letztes Mal noch, hochgestapft, oben ein kurzer Blick, dann aufsitzen, warten, bis die Reihe an mir war. Eine Horde großer Jungen lauerte am Rand, sie lachten laut, sollten sie mich kümmern? Ach Quatsch! Doch dann - ein Schubs, und bevor ich richtig saß, nahm mein Schlitten Fahrt auf. Nicht auf der guten, schönen Route, der Ideallinie, die ich mir bislang gesucht hatte, nein, ich rutschte in einem Höllentempo über inzwischen freigelegte Eisplatten. Meine Füße ausgestreckt zum Bremsen suchten vergeblich nach Halt.
Schrie ich? Vermutlich. Ich fuhr genau auf einen Buckel zu, es hob mich hoch, ich flog einige Sekunden durch die Luft, landete wieder auf dem Schnee, und hätte wohl sogar den Höllenlauf überstanden. Aber in dem Moment, in dem meine Kufen wieder Bodenhaftung bekamen, wurde ich übel gerammt. Ein Schlitten auf der einen, ein Schlitten auf der anderen Seite und einer von hinten. Eingezwängt fuhr ich weiter, bis der Hang auslief. Alles tat mir weh, ich war wütend, ich war fertig.
Endlich unten befreite mich hastig aus der Umklammerung der Schlitten. Die Jungen lachten nur und bevor ich mich, wenigstens verbal wehren konnte, stand ich plötzlich da. Mein Schlitten? Nur noch ein Haufen Brennholz!
Die Worte blieben mir wortwörtlich im Hals stecken. Hämisches Spottgebrüll vonseiten der Rowdys. Mit gesenktem Kopf sammelte ich die einzelnen Sparren auf und schlich mich davon. Ich weiß noch heute, wie sich die lange Quitzowstraße hinzog, mir der Wind schneidend ins Gesicht blies und ich Rotz und Wasser heulte. Das Gelächter bei meinem Abmarsch in den Ohren, der geliebte Schlitten meiner Mutter als Brennholz in den klammen Händen, schämte ich mich und war wütend.
Und heute? Sitze ich gemütlich auf meiner Terrasse, schaue in den Garten und genieße den heißen Sommer. Und wenn es mir zu heiß wird, denke ich an den kalten Winter anno …