August
Wilhelm Warth
Das Staubkorn – eine sommerliche Liebesgeschichte
Es war einmal ein Staubkorn. Es war beige und spitz und winzigklein. Es war so winzigklein, dass es dem Wind, ja dem zartesten Hauch ein Leichtes war, das Staubkorn mal hierhin, mal dorthin zu blasen.
Eines wunderschönen Junitages flog es gerade wieder zusammen mit anderen Staubflusen, die es überhaupt nicht ausstehen konnte, eine Spirale und genoss den Sonnenstrahl. Ach ja, das Staubkorn liebte es, mit dem Sonnenstrahl zu spielen, von ihm in die Luft geworfen, knapp über dem Boden wieder aufgefangen und wieder hoch in die Luft gewirbelt zu werden. Dieser Tanz ging so Stunde um Stunde. Das Staubkorn liebte dieses Spiel. …
Bis es ihn sah: den Felsen. Ihn als Brocken zu bezeichnen, wäre untertrieben. So klein unser Staubkorn war, so riesig war, was es nun sah. Es war grau und an manchen Stellen schillerte es grünlich und an anderen - leicht rötlich. Es war Liebe auf den ersten Blick. Das Staubkorn war dem – Felsbrocken verfallen. Es überlegte hin und her, was es anstellen konnte, um ihn auf sich aufmerksam zu machen. Doch der hatte keinen Blick für das tanzende Nichts. So umschwirrte das Staubkorn den ganzen Tag den Giganten aus Stein.
Das täte es noch heute, wenn nicht die Wolken gekommen wären. Die Wolken waren groß und schwarz und trugen schwer am Regenwasser. Kaum über dem Felsbrocken angekommen, öffneten sie ihre Schleusen. Wie im Wasserfall platschte der Regen hinunter zum Gestein. Alles nahm er mit, Mücken, Käfer, Würmer und das eine oder andere Blatt. Die Staubflusen wurden so Opfer des Regens.
Mit dem Staub wusch der Regen auch unser kleines Staubkorn aus der Luft und spülte es in Richtung Felsbrocken. Je näher es dem grauen, nun bläulich-grünlichen Felsen kam, desto schneller schlug ihm das Herz, (das Herzchen, um genau zu sein). Aus dem gemächlichen Bing...Bing…bing ein flotteres Bing...bing...bing und, noch näher am Fels, ein aufgeregtes Bing-Bing-Bing.
Dann endlich war er erreicht, der geliebte Fels. Der Aufprall war sanfter als erwartet. Selbst, wäre er's nicht gewesen, hätte das Staubkorn ihn nicht gespürt. Was es gespürt hat, war das sanfte Reiben Haut an Haut und eine sanfte Berührung, ganz wie ein erster Kuss. In der Tat war die Berührung wie ein Kuss, zart und sanft, voll der Sehnsucht nach Mehr.
Hätte das Staubkorn eine Stimme gehabt und hätte man genau hingehört, hätte man's vielleicht gehört: Ich liebe dich, ich liebe dich.
Doch der Fels hat’s nicht gehört. Zu leise war's, zu zart. Doch was er spürte, war die wohlige Berührung. Er fragte sich, was es wohl sei, das seine felsige Haut so zart berührte.
Was weder unser Staubkorn noch der mächtige Felsen wussten, war, dass der Regen den Felsbrocken unterspülte und diesen mit der ganzen Gewalt des Wassers zwang, sich zu drehen. Und so drehte sich der Fels, er drehte sich, er drehte sich. Und er drehte sich so lange, bis das Staubkorn unter ihm lag. Er wollte nichts und niemanden verletzen, doch presste er's, so gewichtig er war, fest in seine felsige Haut. So kam es, dass das Staubkorn endlich zu dem wurde, was es immer schon sein wollte. Es wurde Fels.
Und wenn sie nicht gestorben sind, drücken sie sich noch heute.