Pegasus

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Verein für kreatives Schreiben e.V.

Schneckenherz

von Christa Kügler


Endlich! Es ist geschafft, der Feierabend und das Wochenende liegen vor mir. Der Himmel wölbt sich in seinem besten Blau, kleine weiße Wölkchen spielen am Rande des Sichtfeldes, es könnte nicht schöner sein an einem sommerlichen Freitagmittag.

Nun muss ich noch schnell letzte Hand anlegen. Der Arbeitsplatz soll sauber, wie angetreten, wieder verlassen werden. Puh, alles geschafft. Nun noch die Türe abgesperrt, die Mülltüte weggeräumt, aufs Rad gestiegen – die Freiheit kann beginnen!

Aber was liegt denn jetzt noch auf dem kleinen Platz vor der Eingangstür, länglich und braun? Bestimmt ein Ästchen, hat der Wind runtergeweht. Aber nein, das Ästchen hat Fühler und einen nach oben gestreckten Kopf, ein ganz gewöhnlicher, noch junger, brauner Nacktschneck! Ach wie lästig, soll ich ihn einfach ignorieren? Soll er doch sehen wie er weiterkommt. Ich kann nichts dafür, wenn er hier unten verhungert. Bis zur Wiese schafft er es bestimmt nicht mehr. Zudem kriecht er in die falsche Richtung. Ich komme erst am Montag wieder, dann sehe ich ihn zum Glück nicht mehr.

Aber er schaut ja richtig zu mir her, als ob er sagt, komm hilf mir doch. Nein, ich werde jetzt keinen Nacktschneck retten, wo käme ich denn da hin? So viel Schaden haben mir seine Artgenossen schon angerichtet und all die Klagen der Kunden über die Schneckenplage nach ein paar Tagen Regen! Nein, ich ignoriere dich, mach was Du willst.

Die Tür abgeschlossen, über den Schneck gestiegen, nicht mehr hinschauen – und hinauf die Treppe. Oben angekommen, oh weh, ich hab die Mülltüte im Flur stehen lassen. Also nochmals runter.
Ja was soll denn das? Schaut mich der Schneck wirklich erleichtert an? Als wollte er sagen: »Ach da bist du ja wieder. Kannst mich doch nicht meinem Schicksal überlassen!«

Zuoberst in der Mülltüte liegt ein sauberes Papiertuch. Na gut, ich kann einfach nicht wegschauen. Mit dem Papiertuch den Schneck gepackt, komischerweise fast nicht geekelt, und rauf über die Treppe mit ihm. Gleich am Rand der Wiese Schneck vom Papiertuch gestreift, hat die Fühler eingezogen und sich rund gemacht . Jetzt schau selber, wie Du weiterkommst! Alles was Du wolltest, hast Du erreicht.

Erschien mir der Himmel jetzt wirklich noch blauer, die Aussicht auf das Wochenende noch verlockender? Kann ein ekliger, kleiner Nacktschneck Wunder bewirken?