Pegasus

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Verein für kreatives Schreiben e.V.

Der Deal

von Nicole Schlichte


Gerd wartete schon auf ihn, ein Kunde, mal wieder so einer der meint, dass seine Sachen in seinen Trödelladen passten. Von Mama hatte er ihn übernommen, damals. Ja, damals, ach, was soll´s.
Wo dieser Depp auch schon sein Auto abstellt, auf dem großen Pennymarkt Parkplatz, dabei hatte Gerd ausdrücklich darauf hingewiesen, Parken in der Hofeinfahrt. Lasziv lehnte er an dem schmiedeeisernen Tor, sein Fuß schmerzte heute Morgen besonders stark, das sollte niemand merken, es reichte schon, das er ihn hinterziehen musste, diesen vermaledeiten Fuß.
Gerd fixierte seinen Kunden, der nun aus seiner Schrottkarre stieg. Gott, warum mussten es immer diese Art von Deppen sein, die sein Geld wollten. Mit einem Handzeichen machte Gerd klar, hier rüber in die Einfahrt oder es läuft gar nichts. Der Depp hatte wenigstens verstanden. Er kletterte mühsam in seine Rostlaube und tuckerte langsam in die Hofeinfahrt. Gerd bewegte sich nicht. Mama hätte sofort erkannt, dass da nichts zu holen ist. Ja, Mama. Der Depp hielt ihm nun die große Spielesammlung hin. MAD, Monopoly, Kosmos: Finden sie Minden, ein Buch: Wie man beim Schach bescheißt.
Gott, wie hatte Gerd es satt, jeder brachte ihm den gleichen Scheiß. Er schüttelte mit dem Kopf und deutete mit einem arroganten Hochziehen des Kinns auf eine verschlossene Kiste, die er mit seinem Kennerblick sofort entdeckt hatte. Der Depp stopfte die Spiele wieder zurück und zeigte ihm die Kiste. Pornos, das war klar. Das hunderttausendste Pornoheft. Und das ausgerechnet heute, er hatte keine Zeit, es war kurz vor 19 Uhr und in zehn Minuten würde sie kommen. Sie ging immer donnerstags im Penny einkaufen und kam danach immer in seinen Trödelladen und stöberte herum. Er hatte seine schickste Jacke angezogen, auch von einem Kunden, Benetton stand groß hinten drauf, eine richtig gute Marke, die würde ihr sicher gefallen.
Selten hatte er einen so schlechten Kunden, der Depp stand immer noch auf seinem Hof. Der dachte wohl, er könnte mit dem Mist punkten. Gerd drehte sich um und schmiss das Tor ins Schloss.
Dann riss die Kiste mit den Pornoheften. Hundert nackte Weiber auf seiner Hofeinfahrt. In seinem Fuß zuckte es schmerzhaft. Mit einem vernichtenden Blick beobachtete er, bis seine Hofeinfahrt wieder so aussah, wie Mama sie einst hatte Pflastern lassen.
Fünf vor sieben, Gerd wurde nervös, er musste jetzt vor zum Landen. Gestern hatte er extra für sie die schönste alte Lampe noch vorne ins Schaufenster gehängt. Sie mochte Lampen, oft stand sie davor, schaltete sie ein und aus und dann wieder ein. Das liebte Gerd.
Der Depp in seiner Einfahrt setzte sich endlich in seine alte Karre, die nun über und über mit Pornoheften gefüllt war, an dem Seitenfenster drückten sich Gerd nackte Schenkel entgegen.
Dann kam sie aus dem Pennymarkt, verdammt, es war sieben und der Depp stieg endlich in sein Ramschauto. Gerd ging so schnell, er konnte ins Haus, verflixt sein Bein, dann durch den Hintereingang in den Laden. Er hörte schon die Türklingel. Gerd lächelte.
Sie trug wie immer keinen BH und ihre großen Brüste drückten sich durch den dünnen Stoff des T-Shirts. Wenn sie einen Schritt ging, wackelte ihr ganzer Körper. Oh wie er sie liebte, sie war so richtig schön voll, überall. Ihre Oberarme kamen den seinen gleich, ja, sie waren sich ähnlich. Er liebte jede Strähne ihres dünnen Haares und die abgeknabberten Fingernägel, das machte er auch immer.
Wieder stand sie vor den Lampen, machte sie an und aus.
Heute wollte er sie ansprechen, das hatte er sich ganz fest vorgenommen. Da bimmelte die Türglocke ein zweites Mal. Oh man, der Depp, was wollte der denn.
Er hatte noch was vergessen und hielt hocherhoben eine Lampe in der Hand. Gerd zuckte zusammen, als er sah, dass sie, ja sie, zu der Lampe blickte.
Der Depp stand erwartungsvoll im Laden und sie wackelte zu ihm, Gerd liebte dieses Wackeln, mit dem sie sich vorwärts schleppte, genau wie er mit seinem Fuß.
„Schön,“ sagte sie. Da hatte er tausend Lampen und ausgerechnet diese gefiel ihr.
Gerd stand nun endlich neben dem Depp. Der wie eine Wand dastand.
„Die nehme ich. Wie viel?“
„100.“ Auch der Depp hatte begriffen.
Ihre Augen hafteten an der Lampe.
„Ich geb dir 80.“
Der Depp grinste.
„120.“
Gerd biss sich auf die Oberlippe. So was wäre Mama nie passiert.
Gerd zückte die Scheine aus seiner Jeans und reichte sie wortlos dem Depp.
Dieser grinste noch breiter. Gerd kochte innerlich.
„Noch was?“
Der Depp blieb stehen. Gerd hätte ihm am liebsten die Fresse poliert.
„Tschüss.“ Gerd deutete mit der Hand gen Tür.
Sie hatte inzwischen die Lampe in der Hand und versuchte, sie an und aus zu machen, was natürlich nicht gelang, weil sie ja nicht angeschlossen war. Gerd begann zu schwitzen.
Verdammt sein Fuß schmerzte heute besonders stark, er versuchte, es auszuhalten, verlor dann doch das Gleichgewicht und fiel hin, lag nun bäuchlings in seinem Laden. Gott, wenn das Mama gesehen hätte. Er versuchte aufzustehen, das gelang ihm nicht, das kannte er schon. Er musste jetzt warten, bis der Schmerz wieder abhaut.
Der Depp stand immer noch da, sah auf ihn runter und ging einfach weg. Aus dem Augenwinkel sah er, dass sie zu ihm kam, mit der Lampe in der Hand. Er sah auf ihre Schuhe, die jetzt dicht neben seinem Kopf standen.
„Hier.“ Sie hielt ihm seine Hand hin. Er versuchte sie zu ergreifen, dabei hörte er, wie etwas zu Boden fiel. Die Lampe. Rums.
Sie hielt ihm immer noch die Hand hin, er ergriff sie, es nutzte jetzt alles nichts. Er spürte ihre weiche große Hand, die ihn mit einem Ruck nach oben riss. Er geriet ins Taumeln, konnte nicht Fuß fassen. In der nächsten Sekunde spürte er, wie ein Buch auf seinen Kopf fiel und dann spürte er sie, wie sie mit einem Ruck auf ihm lag und alles über sie fiel. Nicht nur Bücher. Ein riesen Getöse war das.
Er hörte sie schwer atmen und konnte ihren Mundgeruch nun endlich aus nächster nähe riechen. Gerd fühlte ihr ganzes Gewicht auf sich. In ihm bebte es, sein Inneres glühte auf, es begann zu lodern, zu brennen. Das muss wohl Liebe sein. Er war bereit, so bereit, so sehr, sein ganzer Körper war auf das äußerste gespannt und für den Bruchteil einer Sekunde dachte er: Verzeih mir Mama, bevor er seine Geliebte endlich küsste.