Pegasus

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Verein für kreatives Schreiben e.V.

Bitte eines Bildes

von Barbara Ludwig


Ich bin ein Bild, gemalt mit Pixeln, erstanden aus einem Blick und aus der Fantasie meines Schöpfers.
Nachts, wenn alles schläft, erwache ich zu Leben und träume. Gestern schwebten Ballerinas über meine Bühne und ihre strahlend weißen Tütüs verwandelten sich in schillerndes Rot, entwickelten sich zur Musik Offenbachs aus Hoffmanns Erzählungen in ein leuchtendes Orange und später in glitzerndes Silber wie Sternenstaub. Die Tänzerinnen vollführten Pirouetten und streckten ihre Arme graziös meinem Himmel entgegen. Ihre Hände berührten fast die an Bäume gemahnenden Figuren, sodass ich Lust verspürte, mich ihnen anzuschließen und mich dem Farbenrausch hinzugeben. Das ging bis zum Morgengrauen so. Erschöpft lehnte ich an der Wand und verschlief den Tag.
Seither warte ich, sobald der Zeiger der Uhr auf Mitternacht vorrückt und die Geisterstunde einläutet, mit angespannten Sinnen auf das Erwachen des bunten Treibens.
In dieser Nacht zieht eine Komödianten-Truppe durch meine Kulisse. Ich lache und lausche, erkenne das Versmaß Shakespeares und ich erlaube ihnen den Spaß, mich als Theaterbühne zu benutzen. Renaissancepaläste erstehen unter meinem Himmel, Wasser gurgelt, Möwen rufen, Schiffer streiten sich, Gondelfahrer singen und Marktschreier verkaufen von Booten ihre Waren. Zwischen ihnen schreitet Shylock der Kaufmann von Venedig, dieser alte schlaue Fuchs. Ist sein Angebot ehrenhaft und wird er gewinnen? Eine unterhaltsame Nacht.
Trotz meiner Müdigkeit versuche ich am Tag zu ergründen, aus welcher Quelle sich meine Träume nähren und der Wunsch, mein Programm selbst zu gestalten, erwacht. Das Phantom der Oper, die Zauberflöte, Goethes Faust, die ganze Palette soll mir zur Verfügung stehen.
Nicht, dass Sie denken, ich sei unzufrieden. Bitte verstehen Sie, ich will nur einfach nicht Handkes Publikumsbeschimpfung ausgeliefert sein. Ich will wissen, was mich in der Nacht erwartet. Will mich den lieben, langen Tag, an dem ich gelangweilt an der Wand herumhänge, freuen - auf das Spektakel der Nacht.
Wer oder was schickt mir die Träume? Ist es ein Gedanke, eine Melodie, ein Lied, eine Bemerkung? Es dauert einige Tage, bis ich des Rätsels Lösung ergründe: Die Gedanken der Betrachter sind es, die sich unsichtbar auf meine Oberfläche schleichen und mich in Schwingungen versetzen.
Deutlich erkannte ich es erst, als einer der Ausstellungsbesucher, mir das geheime Kabinett des Dorian Gray andichtete. Jene Nacht zog sich anstrengend in die Länge. Über Stunden begleitete mich das wahre Gesicht des Dandys, der seine Jugend nie einbüßt. Nichts gegen Oscar Wilde. Aber es fiel mir schwer, die niedrige Lebensart im Antlitz des Dorian Gray zu ertragen. Dass das Böse ein Gesicht so hässlich verunstaltet, war mir bis dato nicht bewusst gewesen.
Ich kann die Augen nicht vor der Ungerechtigkeit der Welt verschließen, aber plötzlich trieb Angst mich um. Werden schlechte Träume mich verändern? Meine Farben verblassen lassen, meine Attraktivität dahinraffen, bis mich niemand mehr mit Vergnügen betrachtet? Ich bin geschaffen worden, um die Fantasie anzuregen, um zu erfreuen.
Also, bitte, lieber Betrachter, denken Sie etwas Schönes, wenn Sie vor mir stehen, denn es erfüllt Sie mit Liebe und schenkt Ihnen innere Schönheit und Zufriedenheit und mir? Angenehme und anregende Nächte. Ich danke Ihnen.