Pegasus

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Verein für kreatives Schreiben e.V.

Er

von Nicole Schlichte


Der Portier hatte Tatjana lächelnd die Karte gereicht und Zimmer 103 gesagt. Fast genüsslich schob sie die Karte in die dafür vorgesehene Schlüsselvorrichtung, sofort sprang die Tür auf, sie wollte vor ihm da sein, sich die Frisur noch einmal richten und ihre delikaten Dessous anziehen. Ja, sie hatte es sich geleistet, warum auch nicht, dafür gab es solche Geschäfte, dafür gab es Dessous, damit eine Frau wie Tatjana in der Schönheit der Unterwäsche herumstöbern konnte. Sie hatte sich beraten lassen und sich vor dem dezent beleuchteten Spiegel gedreht und betrachtet, bis sie mit dem Ergebnis zufrieden war. Die Spitze aus Seide im zarten Rosa stand ihr mit Abstand zu den anderen Farben am Besten. Die Auswahl war sehr geschmackvoll und versprach ihr irgendwie, dass ein Kauf ihre Sinne wach halten würde. Nun stand sie im Hotelzimmer, das mit seiner schlichten Eleganz einladend aussah. Es war hauptsächlich in Weiß gehalten, mit Nuancen aus Naturholz gemischt. Er hatte es ausgewählt und Tatjana hatte spontan zugesagt ohne sich zu vergewissern, ob es auch wirklich ihr Geschmack war, sie vertraute ihm, er wusste, was gut war für sie beide.
Sie ging weiter ins Bad, es hatte eine große Badewanne mit einem Whirlpool und eine rosafarbene Kerze zierte in einem hölzernen Kerzenständer den Wannenrand. Sie lächelte, wie ihre Dessous. Sie stellte den Karton mit den teuren Kleinigkeiten auf das WC und öffnete ihn. Dann legte sie ihre Kleidungsstücke ab und spürte, wie sich die wertvolle Spitze an ihren Körper schmiegte. Nun streifte sie noch ihr fliederfarbenes Jerseykleid über, das Tatjana für die Treffen mit ihm gerne trug.
Dieser Tag war ihr freier Tag. Ein Tag in der Woche weg vom Alltag, frei von den Dingen die erledigt werden wollen. Frei vom üblichen Rhythmus des Lebens. Dies war ihr Tag, er war für sie, ein Tag, der nicht einfach so verstreichen sollte. Das hatte sie ihm auch gesagt und er war einverstanden. Es war ganz einfach gewesen. Wie oft hatte sie sich so einen Tag gewünscht. Bis sie es einfach versuchte, ihn fragte und er sogar mit Freuden Ja sagte.
Sie machte es sich auf dem weichen Sessel bequem und beschloss einen Prosecco mit Erdbeeren zu bestellen, um ungeduldig auf ihn zu warten. Als der Zimmerservice kam, bedankte sich mit einem Trinkgeld. Sie sah noch einmal prüfend an sich herab und strich über ihre glatt rasierten Beine.
Dann ging die Tür auf und er stand vor ihr. Tatjanas Herz schlug höher, er sah gut aus, vertraut und auch fremd. Seine dunklen Haare waren frisch geschnitten und sein lächelnder Mund begrüßte sie schon aus der Ferne mit einem Kuss.
Ob es ihr gut ginge, fragte er.
Ja, es ginge ihr gut, dies sei immerhin ihr Wunschtag und es wäre schlecht, wenn es ihr da nicht gut ginge.
Er nickte und hängte sein Jackett an den Garderobenhaken. Sein weißes Hemd war sommerlich dünn und ließ seinen Körper flüchtig erahnen, seine leicht behaarte Brust, die zwei offengelassenen Knöpfe frei gaben, musste sie sofort berühren.
Prosecco?
Nein, kein Prosecco, sagte er, aber eine Erdbeere.
Sie konnte es sich nicht nehmen lassen, das ihre Münder sich diese Erdbeere teilen mussten. Er zog sie an sich und die Wogen, die sich in ihr auftaten, waren wie wunderbare Wolken, auf denen sie wegtrieb. Er befreite sie von ihrem Kleid. Das mochte Tatjana an Kleidern, sie verbargen alles und gaben doch mit einer geschickten Handbewegung alles wieder frei. Er hob die Augenbrauen.
Oh, zartes Rosa, das kenne ich noch gar nicht an Dir.
Sie genoss seinen Blick. Nun war er an der Reihe, es dauerte etwas länger, inklusiv der Socken waren es vier Kleidungsstücke, die sie entfernen musste. Er drängte sie zärtlich zum Bett, was sie beide erwartungsvoll empfing und sich bereitwillig mit zwei Körpern und zarten rosafarbenen Dessousteilen belegen ließ. Sie begann dahin zu gleiten, weiter weg, noch weiter weg vom Alltag, bis sie alles vergaß und es nur noch sie und ihn gab, was gleichzeitig das ganze Universum zu sein schien. Die Wogen trieben sie dahin einige Male bis zur Erschöpfung, dann schliefen sie ein, sie hatten ja Zeit, nicht alle Zeit der Welt, aber genug Zeit, die es braucht. Als sie erwachte, dämmerte der Abend, sie ließ sich noch ein Bad ein und er kam zu ihr, wieder zu ihr, bis sie sich lachend gegenseitig abtrockneten, sie ihn zärtlich aus dem Bad schob und ihre Alltagskleidung anzog, dann verschwand er im Bad.
Tatjana legte ihm den vereinbarten Betrag, wie immer, auf den Nachttisch und zog die Tür leise hinter sich zu.