Pegasus

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Verein für kreatives Schreiben e.V.

Oma bekommt Gesellschaft

von Ruth Birk


Erheitert und angeregt von seiner Stammtischrunde schloss Willi die Tür auf. Mit großen Schritten betrat er die Wohnung und knallte mit Schwung die Tür zu, so sein Kommen ankündend. Lisa zuckte zusammen, na endlich, wird ja wieder mal Zeit. Willi ließ den Mantel von den Schultern rutschen und stülpte ihn mit dem Armloch über den Garderobenhaken. Er brauchte Lisa nicht zu suchen, wusste, dass er sie an den Abenden seiner Männerrunde vor dem Fernseher finden würde. Sie bekam einen flüchtigen Kuss, er schaltete das Gerät aus und ließ sich in den Sessel plumpsen.
„Lisa, der Egon hat uns eine Anzeige aus dem Abendblatt mitgebracht. Soll jede Woche drin sein. Hör mal zu:
`Sind Sie einsam? Soll Sie jemand besuchen, Ihnen Gesellschaft leisten, zuhören, Sie unterhalten, mit Ihnen spielen, spazieren gehen, ausgehen, für Sie kochen oder wollen Sie selbst bewirten jemanden, der Ihre Speisen mit Genuss verzehrt, Ihre gestrickten Socken oder Pullover trägt, Ihre Ratschläge anhört? Geben Sie uns Ihre Wünsche bekannt, wir vermitteln alles, jung oder alt, männlich oder weiblich, blond oder dunkel, dick oder dünn. Ein Bilderkatalog zur Ansicht wird zugesandt. Jeder Wunsch ist erfüllbar. Stundenhonorar nach der Besonderheit des Anspruchs.´
Das wäre doch was für uns. Der Egon bestellt auch jemanden.“
„Wie meinst du das?“
„Na, denk doch mal nach, für Mutter. Wir mieten ihr einen Gesellschafter. Wäre doch gleich ein Weihnachtsgeschenk. Ich mache einen Tausender locker, dann kann er sie auch mehrmals besuchen.“
„Das finde ich aber gar nicht gut. Wir müssten uns doch selbst um sie kümmern. Sie wird denken, wir wollen sie abschieben. So kann man das doch nicht machen.“
„So, dann sage mir wie! Dich nehmen doch die Kinder voll in Anspruch. Eigentlich könnten die allmählich auch für sich allein sorgen. Du verwöhnst sie zu sehr, lässt dir zu viel bieten, spielst ihr Dienstmädchen. Ich habe natürlich auch keine Zeit für Mutter. Bei dem Stress den ganzen Tag brauche ich meine freien Stunden zur Entspannung. Muss doch fit bleiben, muss schließlich die Familie ernähren. Nebenbei auch noch die vielen Verpflichtungen. Ich sage dir ja immer wieder, ich muss diese vielen Kontakte pflegen, sonst läuft der Laden nicht. Da kann ich mich nicht noch mit Mutters Problemen befassen. Sie ist ja auch nicht anspruchslos. Und jetzt noch zu Weihnachten. Die Creme unseres Ortes wird wieder bei uns sein. Mutter ist da der reinste Störfaktor. Sie wird ihr griesgrämiges Gesicht aufsetzen, weil der böse Sohn sie so vernachlässigt.“
„Aber irgendwie hat sie doch recht. Wir kümmern uns ja wirklich kaum um sie. Sie fühlt sich einsam.“
„Selbst dran Schuld. Hockt nur zur Hause vor der Röhre und bemitleidet sich, keine Freundschaften, nirgends sucht sie Anschluss. So alt ist sie noch gar nicht und krank auch nicht. Aber wenn sie anruft – nein, sie beklagt sich nie – doch immer dieser vorwurfsvolle Unterton, verschafft mir ständig ein schlechtes Gewissen. Wirklich, Lisa, wir sollten es mal ausprobieren. Ich miete ihr einen Gesellschafter.“

„Willi, heute ist ein Brief von deiner Mutter gekommen. Jetzt ist mir erst aufgefallen, dass sie sich schon ewig nicht gemeldet hat.“
„Ja stimmt, auf den Gesellschafter hat sie überhaupt nicht reagiert, uns nicht mal was von ihm erzählen wollen. Aber sie wusste ja auch nicht, dass ich ihn engagiert habe, sollte es auch nicht erfahren. Ich hatte es so gedeichselt, dass er sich allein einführen sollte. Zeig mal den Brief, was schreibt sie denn?“

`Mein lieber Junge,
das Schicksal hat es gut mit mir gemeint und mir einen jungen Mann geschickt, der sich rührend – wie ein Sohn – um mich kümmert. Ich bin glücklich, nicht mehr so allein sein zu müssen. Ich habe für meine Sorgen und Nöte eine Hilfe gefunden. Der junge Mann zeigt so viel Verständnis, ist fürsorglich und liebevoll. Wir sind uns richtig nahe gekommen, dass ich ihn adoptieren werde. Morgen gehe ich zum Notar. Er studiert noch und braucht viel Geld. Da kann ich ihm gut unter die Arme greifen und seine Zukunft absichern. Ich werde ihm mein kleines Vermögen vermachen. Du verdienst ja genug. Für Dich brauche ich nicht mehr zu sorgen. Nun hast Du auch nicht mehr die Last, Dich um mich kümmern zu müssen. Alles Gute – Deine Mutter.
PS: Weißt Du übrigens, dass ich das Abendblatt abonniert habe. Die Anzeigen sind äußerst interessant.`

„Willi, Willi, was ist mit dir! Oh weh, ich muss den Notarzt rufen.