Pegasus

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Verein für kreatives Schreiben e.V.

Glück und gutes Leben

von Ruth Birk

„Na, dann noch mal prost, alter Kumpel. Du siehst, ich hab’s geschafft, bin ein Glückspilz. Hier mein Haus, mein Auto, mein Boot – mein gutes Leben. Aber jetzt muss ich gehen, wichtiger Termin, ein dickes Geschäft ist drin.“

Weg ist er. Sein gutes Leben? Ein Glückspilz mit Haus, Auto und Boot. Soll ich ihn beneiden? Gerade für ein Bier hatte er Zeit, schaute immer auf die Uhr, schien gehetzt. War ich unwichtig, unsere alte Freundschaft nichts mehr wert? Ich habe mich auf das Wiedersehen nach so langer Zeit gefreut. So viel Gemeinsames hatte uns verbunden. Hat er sich geschämt mit mir der feine Herr im Nadelstreifen? Na ja, blank gesessene Hosen, die ausgelatschten Schuhe und der fadenscheinige Pullover machen nicht viel her. Es reicht eben vorn und hinten nicht. Drei kleine Mäuler wollen gestopft sein – aber was für Mäuler. Das Herz geht mir auf, wenn sie auf mich zustürmen – Papa, Papa – mit mir schmusen, fragen, fragen, fragen. Die Frau ist in Ordnung, zieht mit, spart und improvisiert wo sie kann, klagt nie, ein prima Weib, begehre sie auch noch nach vielen Jahren. Mein gutes Leben. Nein, Haus, Auto und Boot brauche ich nicht dazu. Wie glücklich sind die Kinder, wenn sie mal ein Eis bekommen, wie strahlen und jubeln sie, wenn sie im Zoo die Tierkinder streicheln, im Wasser pantschen, im Sand rumbuddeln. Wie glühen die Bäckchen, wie leuchten die Augen beim gemeinsamen Spiel. Sie brauchen nicht mehr, nehmen das kleine Glück wahr, das ihnen begegnet.
Bin ich auch so weit? Habe ich mir die Fähigkeit erhalten, die kleinen Freuden des Alltags nicht zu übersehen, das kleine Glück bei jeder sich bietenden Gelegenheit zu entdecken und zu verinnerlichen? Würde Fortuna ihr ganzes Füllhorn über mich ausschütten, wie wären dann meine Empfindungen – anders?
Auf was für Gedanken mich diese Begegnung bringt, Gedanken, die ich weiterspinnen sollte um die feste Überzeugung zu gewinnen, auch ein glückliches gutes Leben zu führen.

„Ober ich zahle die beiden Bier am Tisch.“