Pegasus

Pegasus


Verein für kreatives Schreiben e.V.

Gier

von Heike Stuckert


„Lassen wir deine Hepatitis für den Moment einmal außen vor“, sagte er und bemerkte, wie sie sich unwillkürlich an den Oberbauch fasste. „Jetzt kannst du dich hier erholen. Die Meeresluft wird dein Immunsystem stärken und dich wieder auf Vordermann bringen.“
Er trank an seinem Flensburger. Das Glas war beschlagen und die Feuchtigkeit hinterließ kleine wellige Rinnsale um seinen Fingerabdruck.
„Du musstest ja unbedingt diesen Trip nach Afrika machen, auch wenn ich dir gleich gesagt habe, dass das völlig unsinnig ist.“ Sie sah ihn kurz an. Befriedigt bemerkte er ihre Scheu, wie sie sich von ihm zurückzog. Sollte sie ruhig, diese Afrikareise war ein echter Affront für ihn. „Natürlich brachte das nur Ärger. Und die Konsequenz hast du nun zu tragen.“
Der Kandiszucker in ihrem Tee klackerte hell und hektisch beim Verrühren. Bemüht beobachtete sie von der Caféterrasse aus die Menschen auf der Fußgängerzone, hauptsächlich Familien oder Senioren, die gemächlich auf und ab gingen. Das Amrumer Urlaubsparadies der Deutschen zur Nachsaison. Sie trank einen Schluck warmen Tee.
„…von den Kosten und den Folgeausgaben jetzt einmal ganz abgesehen.“ Mit einer vagen Armbewegung deutete er vom Cafétisch über die Insel. „Bei deinem impulsiven Verhalten brauchst du dich nicht zu wundern, wenn dich keiner versteht.“ Es störte ihn nicht, dass sie nicht antwortete, ja gar nicht mehr zuhörte. Denn jetzt kam er richtig in Rage, nahm mental Anlauf, um zum Rundumschlag ihrer Ehe auszuholen, einem Thema, das sich seit Jahren im Kreis drehte. Aber immer wieder angesprochen werden musste, denn er sehnte sich nach ihrer alten Verbundenheit - und gleichzeitig konnte er sich ihr einfach nicht mehr verständlich machen.
Sie bewegte ihre Füße behutsam in den Sandalen und spürte die feinen Verletzungen auf der Fußsohle, eingeschnitten von scharfen Bruchstücken angeschwemmter Muschelschalen.
Er betrachtete ihre Nase, wo die Haut sich leicht zu schälen begann. Natürlich verstand er ihre Position, sie war einfach zu durchschauen: Sie wollte alles haben, was sie kriegen konnte, bevor sie zu alt dafür sein würde. Afrika – das hatte sie sich ausgesucht, ausgerechnet für das Jahr, in dem ihm in der Firma die Verantwortung für das Fernost-Geschäft versuchsweise übertragen worden war. Ausgerechnet! Eigentlich sollte sie ihm den Rücken dafür freihalten. Aber sie hatte ihn nicht einmal gefragt, ob er mitkommen wollte. Andere Frauen in ihrem Alter wurden genauso irrational, begierig nach neuen Eindrücken. Das hatte wahrscheinlich mit den Wechseljahren zu tun.
Während sie träge in Erwägung zog, sich zu verteidigen und ihm zum wiederholten Mal zu erklären, warum sie nichts, aber auch gar nichts von dieser Safari hatte abbringen lassen, nahm sie aus dem Augenwinkel eine Irritation wahr.
Ein Vogel schoss direkt auf einen Jungen herunter und schnappte nach dem Crêpe, den er gerade von seinem Vater entgegengenommen hatte. Der Vater hatte sich wieder abgewandt, um am Stand zu zahlen. Die Möwe riss dem Jungen das gesamte Packet aus der Hand. Sie schüttelte die Papiertüte ab und versuchte, mit dem Crêpe im Schnabel loszufliegen. Das Gewicht jedoch hielt sie unten. Laut kreischend stürzten weitere Möwen auf sie zu.
„Du könntest doch wirklich im Rahmen einer Therapie an deiner Haltung arbeiten um dir über deine Negativität allem, und vor allem mir gegenüber, klar zu werden…“, fuhr er fort und wischte den Schaum vom Mund. Die Aufregung einige Meter weiter nahm er jetzt erst wahr. Er wollte ihr eigentlich gerade sagen, dass sie ihm wichtig war, dass er nur das Beste für sie wollte, dass er sogar bereit war, für diese Therapie, die ihr guttun würde, zu zahlen. Er wäre eventuell sogar bereit, ein oder zweimal selbst mit hinzugehen.
Entschlossen, nichts von ihrem Fang herzugeben, schlang die Möwe den Crêpe herunter wie eine Boa constrictor ein Kaninchen. Die Beute kroch langsam durch den Vogelhals, verdickte ihn, die Möwe würgte, konnte ihren Schnabel nicht schließen, als sich die Meute der anderen Vögel auf sie stürzte, um ihr das Fressen aus dem Maul heraus zu reißen. Sie hackte mit offenstehendem Schnabel dagegen und verteidigte die halb heruntergeschlungene Mahlzeit mit ganzer Kraft.
Kinder schrien und deuteten ängstlich auf die kämpfenden Rivalen. Eltern filmten die Szene mit ihren Handys, „Oh mein Gott!“, und „Nicht zu fassen!“ ertönte. Die vollgefressene Möwe nahm jetzt plump einige Schritte Anlauf, hob ein wenig ab, sackte aber wegen der unerwarteten Last gleich wieder herunter. Erneut versuchte sie, loszufliegen. Man sah ihr die Strapaze an. Sie sackte wieder ab, voll bleierner Schwere, und dann, mit einem Ruck, der ihr ganzes Wesen durchlief, mobilisierte sie sämtliche Kraftreserven und verließ den Schauplatz, wo die verbleibenden Vögel mit schrillem Gekreisch die umherflatternde Tüte zerrissen, Kinder getröstet, Eiskugeln überreicht, Sonnenschirme über Kinderwägen gespannt wurden und Handyhüllen forsch zugeklappt in den Taschen von kurzen Hosen verschwanden. Bald kehrte wieder Ruhe ein, Gewöhnlichkeit.
Sie dachte an die stechende Hitze auf den Safaris, den scharfen Schweißgeruch, die drohende Präsenz der Gewehre, an die Löwen, die sie von weitem mit dem Fernglas beobachtete. Sie dachte auch an ihren drängenden Durst und das ungenügend abgekochte Wasser, das ihr zwei Tage Übelkeit und Durchfall beschert hatte. Und sie dachte an ihr unerwartet heftiges Verlangen nach John, einem jüngeren Mann aus Amerika, mit dem sie sich eines Abends nach einigem Bier auf eine hemmungslose Affäre eingelassen hatte. Ihr Mann wusste nichts davon.
Er hatte sie am Flughafen Frankfurt abgeholt, wo sie fiebernd und abgeschlagen angekommen war, und sie gleich ins Tropeninstitut gefahren. „Jetzt habe ich wegen dir den Lunchtermin mit der Delegation aus China abgesagt, und du weißt doch, wie wichtig den Chinesen das Essen ist…“. Er überließ sie den Ärzten und ihrer Leberentzündung. Woher sie sie hatte, wollte er nicht wissen. Vielleicht nahm er an, dass das bei einer Afrikareise häufig vorkommt. Sie erkläre ihm nichts. Es tat ihr gut, dass sie von da an aus medizinischen Gründen Abstand halten musste. Trotz der Hepatitis war sie froh, diese Reise in vollen Zügen genossen zu haben.
Sie seufzte und rückte ihren Ehering zurecht. Seit sie abgenommen hatte, verrutsche er andauernd. Sie dachte an die Möwe, die sich voller Gier überfressen hatte, und an ihr Leben mit ihm, vor dem sie eines Tages Hals über Kopf geflohen war, erfüllt von einer drängenden Sehnsucht, die sie nicht mit ihm teilen konnte. Und sie sah den kleinen Jungen mit dem Crêpe vor sich, dessen Gesicht Erstaunen und Überraschung ausdrückte, keine Furcht oder Angst, nur ein Gewahr-Werden der Energie dieses Vogels. Ein ungewöhnliches Kind, das nicht schrie oder sofort einen anderen Crêpe forderte, sondern einfach fasziniert beobachtete.
„Ja, du hast recht“, unterbrach sie ihn irgendwo in seiner Rede. „Du hast mit allem Recht. Aber weißt du was? Ich halte das nicht mehr aus.“ Sie stand auf und lief Richtung Meer.
Er lachte auf, weil sie sich wieder einmal zu einer impulsiven Aktion hinreißen hatte lassen. Aber sie kehrte nicht zurück. Nach dem nächsten Flens zahlte er und ging in die Pension, wo sie auch noch nicht angekommen war. Er legte sich aufs Bett und blätterte in ihrem Buch, Gedichte von Hilde Domin. Ein Zitat berührte ihn unerwartet: „Wir setzten den Fuß in die Luft / und sie trug“. Domins Grabinschrift.
Wo sie nur blieb?

Die Möwe flog nicht weit, zu schwer wog die übergroße Mahlzeit. Sie ließ sich auf einer feuchten Sandbank nieder, den Körper zur Meeresbrise ausgerichtet, ein Stück weg von dem Teil des Strandes, wo der Wind feine Sandkörner wie tiefhängenden Nebel über den Boden wehte. Sie musste viele Stunden verdauen, und sie würde heute keinen Krebs mehr knacken, keinen Wurm mehr fangen, keinen hellgrünen Seetang mehr durchpicken, sogar keinen Schrei mehr ausstoßen. Ihr war einfach nur schlecht. Wie der Frau, die barfuß mit den Sandalen in der Hand am Wasser entlanglief.
In der Stadt wand sich der Junge, dem die Möwe den Crêpe aus der Hand gerissen hatte, an seinen Vater. „Papa“, fragte er. „Mögen Möwen wirklich Crêpe? So viel auf einmal?“