Pegasus

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Verein für kreatives Schreiben e.V.

Appenzeller Käse

von Susanne Grohs-v.Reichenbach


An einem schönen Samstag im Mai warten die Kunden bei Feinkost-Nagel geduldig bis sie an die Reihe kämen.
Dunkle Haare, angemalte Lippen, mondäne Erscheinung. Verkäuferin Lucia fiel die Sonnenbrille der Frau auf, die in der Schlange bei der Kollegin stand. Sie schnitt flink die Mailänder Salami runter, die ein weißhaariger Mann mit Fliege bestellt hatte.
Die Brille steckte funkelnd im toupierten Haar. Lucia sah auf die Waage. Noch fünf, vielleicht sechs Scheiben wären zu schneiden. Ob sie sich irgendwann die Sonnenbrille leisten sollte, die sie seit Wochen im Fenster vom Optiker Niedermayer bewunderte? Sie war in Schmetterlingsform und hatte verspiegelte Gläser. Todschick und sündhaft teuer. Ja, Wucher geradezu!
Lucia legte die Salami in die Theke zurück, wischte die Waage ab und beklagte die ständige Ebbe in ihrem Portemonnaie. Paula und ihre Outfits. Doch sie war nun mal ihr Augenstern. Neulich war sie für ihre Tochter zur Post gegangen, eine Sendung von irgendeinem Versandhandel abzuholen. Diese Pakete! Sie vermehrten sich wie die Karnickel in ihrem Zimmer.
Da blitzt etwas in ihrem Hirnkasten auf. Bei Anstehen, da hatte sie die Fahndungsfotos an der Wand gemustert. Ein Gesicht gehörte zu einem schweren Raub mit Körperverletzung. Wie furchtbar. Sie hatte sich geschüttelt.
Die Kundin mit den lila Lippen.
Lucia reckte den Kopf vor und erkannte als erstes das linke Auge. Es war größer als das andere. So wie auf dem Plakat. Jetzt sah sie auch ihre Narbe. Die türkte kein Make-up, und davon hatte die Person satt aufgelegt. Wie eine Made kroch sie am Kinn empor. Jetzt bewegte sie sich schlängelnd, als die Frau süßlich lächelnd verlangte: „Ein Stück Appenzeller, bitte.“
Lucia schnaubte, nahm das lange Messer und stob in den Ladenraum, direkt auf die Lilalippige zu. Ein aufgeregtes Raunen ging durch den Raum. Etwas kurzatmig durch das Gerenne kommandierte sie so echt wie im Krimi: „Hände auf die Theke.“ Lucia presste das Weib an die Glasscheibe rief in Richtung Telefon: „Chefin! Ruf die Polizei! Die suchens fei!“
Noch Wochen später musste Lucia im Ort alles immer wieder genau erzählen. Dabei drehte sie ihre Sonnenbrille hin und her. Und von der ausgesetzten Belohnung war sogar noch etwas übrig.