Pegasus

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Verein für kreatives Schreiben e.V.

Liebe auf den zweiten Blick

von Barbara Ludwig


Jung war ich, sehr jung, als ich mich das erste Mal in sie verliebte. Mir blieb der Traum - ihr überirdisch schönes Glitzern, die Reflexe der Sonne in ihren Augen, das Gesicht, erhitzt von Sommer und Wärme, ihre weit ausgebreiteten Arme, von Fluten verwöhnt.
Die Erinnerung hatte mich nicht getrogen. Ich fand sie beim bei unserem zweiten Treffen sogar noch verführerischer. Wieder flutete Sonne ihren wundervollen Körper, der so viel Charme ausstrahlte, dass ich nur dastand und sie versunken betrachtete. Sie weckte den Wunsch, mich näher auf sie einzulassen. Natürlich war ich nicht ihr einziger Liebhaber, aber das störte mich nicht. Mir war klar, eine solche Erscheinung kann niemand für sich allein beanspruchen.
Aber ich durfte ihr nahe kommen. Ein Privileg! Meine Schöne verwöhnte nicht mit billigem Tand, nicht mit Talmiglanz, nicht mit Vorgetäuschtem. Sie ruhte in sich, war ehrlich. In ihrer Nähe roch man die Erde, sah Bienen um die Blüten tanzen, Schmetterlinge sich im Meer der Blumen verlieben, Gräser sich im Wind wiegen, Früchte rot und prall an Bäumen hängen.
Doch nicht genug, selbst das Wasser war ihr Element, es schien mit ihr zu tändeln und ihr zuzuwinken, als wäre es verliebt in sie. Keineswegs mehr jung an Jahren, pflegte sie sich, ließ sich nicht gehen und wollte nie auch nur im Ansatz größer sein als andere. Sie wusste um ihre Einmaligkeit und zog daraus den Zauber, der mich gefangen nahm. Nie wollte ich von ihr lassen, nie mehr woanders leben, als in ihrer Nähe. Ich litt beim Abschied, vergessen die Winter, in denen sie sich einhüllte in graue Schleier.
Die Liebe noch im Kopf fiel es mir schwer, die Neue zu bewundern. Sie gab sich spröde, und machte es mir nicht leicht.
„Ich habe genügend Liebhaber, bleib wo der Pfeffer wächst und sowieso …“ Recht hatte sie, erkannte ich schnell. Sie war kein Kind von Traurigkeit, feierte, wo sie konnte, im Sommer ausgelassen in den Biergärten, im Herbst auf der Wiesn und auch sonst noch da und dort. Ansonsten ließ sie jeden machen. Es störte sie nicht, wenn jemand schwärmte, dass sie nur schön wäre, weil sie so nah an Italien läge, oder weil es nicht weit zum Skifahren wäre, und weil sich in ihrer Nähe der Ammer- und der Starnberger See befänden. Die verrückten Schlösser Ludwig des Zweiten rechnete sie schmunzelnd zu ihrem Besitz. Und so verliebte ich mich, nach und nach, in ihre großzügige Art, ihr Granteln, ihren herben Münchner Charme. Herz haben beide Städte. Aber eines hat die Münchnerin, was die Konstanzerin nicht besitzt: Sie hat eine U-Bahn. Und überhaupt, wer sagt, dass man nur eine lieben kann.