Pegasus

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Verein für kreatives Schreiben e.V.

Aufbruch

von Heike Stuckert


„Mama, wie fandest du eigentlich meine erste Freundin?“ frägt mich mein 14jähriger Sohn.
Überrascht halte ich inne und senke den Stapel Papiere, den ich grade durchstöbere. „Du meinst die Sophie?“
„Ja, klar.“
„Nett. Hübsch. Freundlich und … klug.“
Ich bin unsicher, in welcher Weise ich Sophie loben soll, denn immerhin ist sie bereits seit einiger Zeit seine Ex.
Mit einem knappen „Ok“ zieht Leo sich wieder zurück.
Ich habe eigentlich mit einem längeren Gespräch über Sophie gerechnet, aber meine Antwort scheint ihm doch zu genügen.

In einem großen Rundumschlag räume und sortiere ich nun seit Stunden; von altem Schmuck bis hin zu ersten Geschichten, Briefen und Tagebüchern. Meist zögere ich, Dinge wegzugeben. Aber es fehlt Platz, mein Sohn soll jetzt das große Zimmer bekommen, und ich in sein kleines ziehen. Auf dem Bett stapeln sich einst lieb gewonnene Kleider, die nicht mehr passen. Und auch nie mehr passen würden, das habe ich mir eingestehen müssen. Sie ist vergangen, die Zeit des engen schwarzen Kleides und der kurzen Röcke.

Mit dem Gefühl, etwas Wichtiges aus meinem Leben auf keinen Fall verlieren zu wollen, mache ich mich weiter an die Sichtung von Papieren. Ich schlage ein Gedicht auf:

Pläne
Gute Pläne für heute,
der Wecker klingelt früh.
Aber doch
Lege ich mich zu Dir,
schließe die Augen und genieße die Stunde,
die Hitze,
dich.
Wir machen den Ausflug nicht,
doch bereisen wir miteinander
eine besondere Welt.


Ich seufze und lege Briefe von Männern, alte Geschichten, die Liebesgeschichten hätten werden können, aber nicht wurden, auf einen Haufen. Ein weiterer, großer Berg entsteht aus Rechercheunterlagen, Kopien von historischem Wert – gefühltem historischen Wert. Tagelanges Stöbern in Archiven, in graue Mappen gebannt. Nicht nur Jahre nicht mehr in der Hand gehalten, sogar ganz vergessen, dass sie es überhaupt noch gibt. Ich blättere weiter durch. Meine Hände bekommen feine Risse von scharfen Papierseiten. Kann alles weg – oder ist das doch noch was wert? Kann ich es vielleicht wieder verwenden?

Erneut steckt Leo den Kopf durch die Tür. „Bin dann mal weg“, verabschiedet er sich.
„Tschüss“, antworte ich.

Ich strecke mich, atme tief durch und falte den Umzugskarton auseinander. Hier hinein passen alle Papiere. In eine große Mülltüte die Kleidung. Der Schmuck kommt in eine kleinere Tüte. Ich trage gerade alles in den Flur, als Leo schon wieder die Haustür aufschließt. Ein Mädchen begleitet ihn. Sie trägt schwarze Stiefel mit Nieten, einen Minirock und eine kurze enge Lederweste darüber.
„Hey“, begrüßt sie mich und schwenkt die Bierdose in ihrer Hand. Sie sieht älter aus als Leon.
„Hallo“, antworte ich.
„Mum, das ist Raffi. Die große Schwester von Sophie.“
„Oh. …Wie geht’s Sophie?“
„Bestens“, antwortet Raffi knapp und steuert schnurstracks an mir vorbei in Leos Zimmer.
„Wir ziehen uns dann mal zurück“, sagt der zu mir und lässt seine Jacke auf die Umzugskiste fallen.
„Ach ja: Gleich kommt der Pizzabote – könntest du den bitte zahlen?“
Dann fällt die Tür hinter den beiden zu und laute Musik ertönt.

Ich setze mich auf die Kiste mit Leos Jacke.
Die Zeit vergeht doch schneller als man wahrhaben möchte, denke ich, als der Pizzaservice klingelt.

Ich klopfe an Leos Tür, um Bescheid zu geben, dass die Pizza da ist. Keine Antwort. Ich klopfe lauter. Nach einem atemlosen „Moment“, überlagert von einem grellen Kichern, stelle ich die Kartons vor die Tür im Flur ab und gehe wieder zu meiner Kiste
und den Tüten. Ich habe mich entschlossen, alles wegzugeben. Um bereit zu sein für Neues. Neues, das hoffentlich so einfach und selbstverständlich in mein Leben treten würde wie das Neue bei meinem Sohn.