Pegasus

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Verein für kreatives Schreiben e.V.

Bruno

von Anne Hagelstein


Der Bär ist tot, es lebe der Bär.
Bruno war sein Name und er war ein wenig aus der Art geschlagen, wie wir gleich erfahren werden.
Seine Eltern kamen aus Slovenien. Beide waren ehemals Tanzbären gewesen. Eigentlich wollten sie lieber im Wald herumtollen, aber böse Menschen folterten sie und unter höllischen Qualen wurde sie zum Tanzen dressiert. Sie stellten die jungen Bären auf glühend heiße Eisenplatten. Wegen der Schmerzen hoben diese ihre Beine in die Höhe und immer dann ertönte Musik. Und damit sie nicht fortlaufen konnten, kettete man sie an. Diese Prozedur wurde laufend wiederholt, bis dieses Programm in ihren Köpfen einen Platz gefunden hatte. Und allmählich verknüpften die jungen Bären die Schmerzen mit den Klängen. So kam es, daß sie bei Musik ihre Beine hoben und sich im Rhythmus bewegten.
Nicht Spielen, sondern Tanzen war die Jugend von Brunos Eltern gewesen.
Seine Eltern waren weit gereist. Sie wurden eine große Attraktion auf den Jahrmärkten, bis eines Tages ein Tierfreund sie ihrem sogenannten Herrn abkaufte. Er wollte sie retten, ihnen ein bärenwürdiges Leben wiedergeben. Und da sie in den Wäldern im mittleren Europa fast ausgestorben waren, kamen die Tiroler auf die Idee sie in ihrem Land anzusiedeln. So geschah es, daß auch Brunos Eltern dort eine Familie gründeten.
Der Winter stand vor der Tür. Der Papa Jose war schon etliche Tage unterwegs um ein neues Winterquartier zu suchen. Seine Mama Jurka war voller Sorge und dachte ihm könne etwas zugestoßen sein. Deswegen bat sie Bruno nach ihm Ausschau zu halten und schweren Herzens verließ er seine Lieben.
Er wanderte durch die Lande und hatte inzwischen schon die Grenzen Italiens und Österreichs überquert und kam schließlich nach Bayern. Das schönste Fleckchen Erde hatte er sich zum Wandern ausgesucht, wenn auch unfreiwillig. Er kannte sich hervorragend aus, sogar im Gebirge. Er war trittsicher und fand immer wieder in der Höhe eine Felsspalte oder Höhle zum Schlafen.
Nun hatte er schon Tage nichts richtiges mehr gegessen und der Hunger quälte ihn. Aus Not begab er sich hinunter in die Nähe von Häuser, um dort nach Nahrung zu suchen. Die Menschen warfen oft gute Nahrung fort. Sie lebten im Überfluss und die Mülleimer waren mit Essensresten gefüllt. Er roch es schon aus weiter Entfernung und im Geiste sah er einen reich gedeckten Essenstisch.
Aber es sollte anders kommen. Eine Schafherde kam ihm in die Quere. Darunter war ein kleines schwarzes Schaf, das sich von der Mutter abgesondert hatte und orientierungslos umherirrte. Es lief ihm fast vor seine Tatzen und er musste nur zugreifen, um seinen Hunger zu stillen. Bei dieser Aktion brach ein jämmerliches Geblöke der anderen Schafe aus, so daß er fluchtartig das Revier verließ.
Jetzt kam die Erinnerung zurück. Die ersten Ausflüge mit seiner Mutter bescherten ihm beim Wildern von Schafen, Kaninchen, Hühnern und sonstigem Federvieh großen Erfolg. Es machte ihm Spaß dabei zu sein und gelobt zu werden.
Dabei war er eigentlich gar kein Fleischfresser, nur so einen kleinen Happen mal einstweilen, das war gerade recht. Er ernährte sich von Beeren, Wurzeln, Samen, Blätter, gelegentlich auch Gras. Am meisten aber liebte er einen frischen Lachs oder eine Forelle. Und als Nachspeise einen Haufen Ameisen oder den Inhalt von einem Bienenstock. Und all das fand er ausreichend in diesem so schönen Land. Und wenn er bei dieser Kost geblieben wäre, wenn die Umstände andere gewesen wären, hätte er keine Schwierigkeiten mit den Ordnungshütern gehabt.
Nachdem er seine Erinnerungen erneut in die Tat umsetzte, bemerkte er, daß er verfolgt wurde. Es war ihm fremd, denn dort, wo er herkam, waren die Zweibeiner freundlich zu ihm gewesen.
Eines Abends wurde er regelrecht gejagt. Ein Auto hatte ihn gestreift und bellende Hunde verfolgten ihn. Er sah sich gezwungen in den Speichersee zu springen um der Meute zu entkommen. Dabei verletzten sie ihn und erwischten ein Stück seines wertvollen Pelzes.
Und weiter legte er große Strecken zurück. Er hatte robuste Bärentatzen, und diese Spuren waren auch ziemlich das einzige, was er seinen Verfolgern hinterließ. Es waren Finnen und sachkundige Jäger, die sich mit dem Fangen von so kleinen Räubern auskannten, wie Bruno einer zu sein schien. Und hatten sie wieder einmal in der großen Hitze eine Fährte von ihm entdeckt, kam der große Regen, der ihn vor den Gewehren der Jäger und einer vorzeitigen Gefangenschaft bewahrte.
Er war schon lange unterwegs und es kam ihm vor, als würde er im Kreise laufen.
Nachdem diese Männer ihn in den Bergen und auf den Almen verfolgten, wollte er nur noch seine Ruhe haben. Wieder zog es ihn zu den Menschen. Er marschierte geradewegs durch Kochel am See und setzte sich bei einer Polizeistation vor die Türe.
Die Sonne schien ihm auf dem Pelz und in dem Rhododendren Busch ganz in seiner Nähe summte und surrte es. Er träumte davon seinen Vater gefunden zu haben und wie er gemeinsam mit ihm über die Grenzen zurück zur Familie wanderte.
Eine Biene hatte sich in seinem Pelz verfangen und davon wachte er auf. Als er wieder ganz bei sich war, verstand er die Welt nicht mehr. Erst jagten sie ihn durch die Wälder und über die Berge und jetzt, wo er ganz freiwillig kam, um sich in Gewahrsam nehmen zu lassen, verschwanden sie. Kein Mensch, geschweige denn ein Hund ließ sich blicken.
Sein Traum hatte sich also nicht erfüllt.
Das Summen der Bienen im Busch irritierte ihn und er bekam Appetit auf Honig. Also setzte er seinen Marsch fort und traf in dem Ort auf einen Kaninchenstall. Das war eine willkommene Abwechslung. Er plünderte ihn aus und zum krönenden Abschluss vernaschte er noch den Inhalt eines nahe gelegenen Bienenkorbes.
Pappsatt war er jetzt und trottete weiter. Nach der sengenden Hitze kam der gesegnete Platzregen. Erfrischt marschierte er über die Almen.
Er machte den Tag zur Nacht. Schlief in sicherer Höhe in einer versteckten Felsspalte und wanderte in der Nacht weiter gen Heimat, wie er meinte. Aber so ein Kläffer hatte doch noch seine Spur gewittert und Bruno konnte sich nur noch mit einem Dauerlauf vor ihm retten. Er lief und lief was seine Tatzen hielten. Er müsste doch schon längst daheim sein. Diese Hetzerei hatte ihm die Orientierung genommen.
Es war im Morgengrauen, als er durch das taunasse Gras tapste. Irgend ein Geräusch, ein knackender Ast vielleicht, verunsicherte ihn. Auch war dort ein ihm vertrauter Geruch. Oder Bärendreck ?

Plötzlich streifte etwas seinen Pelz und im nächsten Moment stürzte er zu Boden.
Ein menschlicher Jubelschrei dröhnte in seine Ohren.
„ Wir haben ihn, wir haben ihn getroffen,“ hörte er und eine Meute Hunde gefolgt von den Jägern rannte zu dem Platz des Geschehens.