Pegasus

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Verein für kreatives Schreiben e.V.

Liebeserklärung Berge

von Juliane Reister


Wenn von Tante Lilly die Rede war, bekam mein Vater leuchtende Augen und meine Mutter einen verkniffenen Mund. Sie war schön, elegant, ein wenig südländisch und vor allem sehr charmant, und wie es schien auch reich. Das alles interessierte uns Kinder weniger. Tante Lilly wohnte in einem Land, was für unser enges, norddeutsches Gemüt sehr weit weg liegen und irgendetwas Exotisches an sich haben musste. Unsere Neugier wuchs, und schließlich fanden wir auf der Landkarte sogar den Ort, in dem Tante Lilly wohnte – Bad Tölz in Oberbayern.
Da Tante Lilly eine Tochter meines Alters hatte, lud sie mich in den Sommerferien 1952 nach Bayern ein.
Die Reise alleine mit der Bahn war um diese Zeit für eine 14-jährige ein Abenteuer. Doch alles ging glatt. Das Zuhause von Tante Lilly war die erste Sensation, denn es war rundherum mit Bildern bemalt, aus den Fenstern quollen rote Blumen – ich war fasziniert. Hatte ich die Tante bisher gut verstanden, sprach sie bei sich zu Hause eine Sprache, die gar kein richtiges Deutsch war. Ich musste dauernd nachfragen, was mir sehr peinlich war, und ich wurde hinter vorgehaltener Hand ausgelacht. So nach und nach verstand ich wenigstens etwas, also auch den Vorschlag von Tante Lilly – morgen machen wir eine Bergtour. Gott sei Dank wussten meine Gastgeber, was man dafür alles braucht, denn ich hatte natürlich keine Ahnung, da ich noch nie einen Berg gesehen hatte.
Ich wurde bergmassig ausstaffiert, natürlich drückten die Bergschuhe und der Rucksack war viel zu schwer, dafür war die Vorfreude auf das Neue umso größer.
Wir fuhren mit dem Auto nach Hinterriss, nach Österreich, ins Ausland. Dann hieß es „Auf geht`s`“. Gott sei Dank war ich gut zu Fuß und konnte einigermaßen mithalten, als es, auf einem schmalen Pfad, durch das Laliderertal im Karwendel immer steiler wurde, vorbei an den blanken Felsen, Alpenrosen und Latschenhängen. Nach mehreren Stunden Anstieg, meine Füße brannten wie Feuer, erreichten wir die Falkenhütte, unser Ziel. Die schroffen, nackten Lalidererwände über der Hütte ließen mich erzittern – so etwas Großartiges hatte ich noch nie gesehen. Bei der verdienten Brotzeit konnte ich meine Augen nicht von diesem gigantischen Naturereignis lösen. Ich hätte mich am liebsten an den Busen der Natur geschmissen und nur noch gestaunt. Und dann flüsterte die Tante „Da schau eine Gams“, meine „Guckerln“ fielen mir fast aus dem Kopf. Am Abend versammelten sich alle müden Bergsteiger und erzählten von ihren Erlebnissen. Die Berge wurden immer gebirgiger, und das Wild immer wilder. Ich hörte mit großen Ohren zu und beschloss – ich ziehe auf die Falkenhütte.
Todmüde krochen wir bei Anbruch der Dunkelheit – nein, nicht in ein Bett, sondern in unseren rot karierten Schlafsack auf ein Lager im ersten Stock, zusammen mit vielen Mitschläfern. Ich hatte in meinem Leben noch nie einen Mann schnarchen gehört. Hier schnarchten viele um die Wette. Gott sei Dank blinzelte irgendwann die Sonne durch die Fensterläden und lud uns ein zu einem herzhaften Frühstück. Danach machten wir uns an den Abstieg.
Viele Jahre später, nachdem ich meinen Wanderkameraden geheiratet hatte, unternahmen wir die großen „Bergfahrten“. Eine Woche von Hütte zu Hütte, manchmal bis an die Grenze der Kraft, manchmal auch darüber hinaus, aber immer als ein unvergessenes Erlebnis. Wir erwanderten die Dolomitenhöhenwege, das Engadin, das Steinerne Meer, die Alpspitze, den Watzmann usw. Die große Liebe zum Erlebnis Berg nahm ihren Anfang an den Lalidererwänden und ist bis heute geblieben, auch wenn nur noch theoretisch beim Betrachten der Hochglanzfotografien in der Alpenvereinszeitschrift. Die Bilder der Erinnerung kann einem niemand mehr nehmen. Sie machen zufrieden und stolz – auch auf das gelegentliche Überwinden des inneren Schweinehundes, der auf allen Wanderungen mit von der Partie war. Bei der Umarmung des Gipfelkreuzes ist alle Pein vergessen und die Glückseligkeit vollkommen.