Pegasus

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Verein für kreatives Schreiben e.V.

Er

von Nicole Schlichte


Der erste Blick, traf sie nicht wie ein Blitzschlag, nicht wie ein Hammer auf den Kopf. Es war eher die Begrifflichkeit einer tief in ihr liegenden Welle, es war wie ein Ankommen. Ein Blick, wie sie noch keinem Augenpaar begegnet war. Eindeutig war er einzigartig, dieser Augenaufschlag der Begegnung. Sie war verwirrt, etwas aus dem Ruder geschlagen, versuchte ihn nicht mehr anzuschauen, weil sie nicht wusste wohin er sie tragen würde, dieser Blick. Er war neu, nagelneu sozusagen.
Er war der neue Chef. Ein neuer Chef, jünger als sie, nicht viel, aber jünger und es war ihr klar, dass sie ihn nie wieder ansehen könne, ihren neuen Chef. Er hatte blaue Augen, die durch Brillengläser schauten. Wie er wohl aussah, wenn er diese winzige Nuance Glas abnehmen würde. Und sie ertappte sich dabei, dass sie nur eine einzige Situation kannte, in der Männer ihre Brillen abnahmen. Im Bett. Sie verdrängte den Gedanken schnell wieder, er war ihr Chef.
Er stellte sich vor, sie registrierte, das er schlank war, geschmackvoll gekleidet und doch einen leichten Bauchansatz hatte. Seine Haare boten einen drei Millimeter Flaum, der sich sicher borstig anfühlen würde, wenn, ja wenn. Dieses Wenn sollte sie vergessen, sofort. Er schien es auch zu spüren, oder bildete sie dich das nur ein?

Etwa eine Woche, nachdem er seinen neuen Posten angetreten hatte, führte er ein, die Arbeitspläne per Mail zu versenden. Auch sie fragte er, doch sie wollte nicht, sie wollte das Private nicht mischen. Sie wollte zu Hause keine Mails empfangen die aus der Arbeit kamen. Daraufhin sah er sie eine Sekunde zu lange an, eine Sekunde zu tief, durch sein Sicherheitsglas, was ihn nur noch sichtbarer machte, fand sie.
„Also keinen digitalen Kontakt? “ fragte er, er, der Chef.
„Nein, kein digitaler Kontakt“, sagte sie und wand sich ab. Daraufhin ging er in die Kantine eine Zigarette rauchen. Er war verheiratet, erfuhr sie nach und nach, er hatte zwei Kinder. Zwölf und Sechzehn. Fast wie sie, doch ihre Kinder waren vierundzwanzig und sechsundzwanzig. Schon lange aus dem Haus, beziehungsweise aus der Wohnung. Ihre Ehe war Alltag. Sie lebte, ihr Mann lebte, aber nicht zusammen, jeder sein Leben. Und dann die eine Mail von ihm, eine Mail von ihrem Chef.
´Digitaler Erstkontakt´, es sollte förmlich klingen.
`Hallo Frau sowieso, falls sie es ich doch anders überlegen sollten.`
Was sollte sie sich anders überlegen?
`Nein`, war ihre Antwort.
`Praktisch wäre es dennoch`, antwortete er.
`Was? `, frage sie.
Die Antwort blieb aus. Doch die Begegnung am nächsten Tag in der Arbeit nicht.
„Keinen digitalen Kontakt?“, wollte er dann persönlich von ihr wissen, als niemand in ihrer Nähe war, um dem Gespräch zu folgen.
Das sei geklärt, meinte sie und dann seine Frage, ob sie ihn zur nächsten Messe begleiten wolle, das würde sie doch sicher interessieren. Ja und ob. Er nannte Termin und Treffpunkt und selbstverständlich würde ihr die Zeit als Arbeitszeit angerechnet werden.
Bis zu diesem Termin wusste sie nicht, wie die Zeit vergehen sollte, außer, dass sie langsam verging, quälend langsam. Es gab für sie nichts mehr als diesen Termin, alleine, sie mit ihrem Chef, der ihr oft zu lange in die Augen sah.
Pünktlich um acht Uhr wollte sie in der Messehalle auf ihn warten, doch er stand schon da. Ganz im Freizeitlook, sie hätte ihn fast nicht erkannt. Guten Morgen, ob sie ausgeschlafen hätte. Nein. Gut, dann würden sie doch erstmal einen Kaffee zusammen trinken. Es verschlug ihr die Sprache. Sie folgte ihm schweigend, obwohl ihr Inneres plapperte. Er holte den Kaffee, auf einem grauen Plastiktablett, mit Zucker und Milch in den typisch kleinen Portionen, mit denen sie sich ungewöhnlich lange aufhielt. Doch dann trafen sich ihre Blicke wieder und hatten diesmal Zeit, die Zeit die sie wollten, die Zeit die sie brauchten, die Blicke um zu reifen und zu blühen. Keiner lächelte, das taten die Blicke. Bis er zum Aufbrechen mahnte, sie seinen doch hier um zu arbeiten. Das taten sie intensiv, es wurde begutachtet und bewertet. Bis zum Nachmittag, als sie auf einem Stuhl saß, um die Unterlagen durch zu sehen. Er beugte sich von hinten über sie und sein Atem weilte dicht an ihrem Ohr, sie roch ihn, sie spürte seinen Körper, obwohl er sie nicht berührte. Seine Hand dicht neben ihrer. Ja, er sei mit dem Ergebnis zufrieden, sie hätten sich eine Pause verdient, es sei schon früher Nachmittag.
Für sie verschwamm alles zu einer Zeit, es gab keinen Nachmittag für sie, er gab nur sie und ihn, alleine unter tausend Menschen. Er schlug vor in den Messepark zu gehen, sie setzten sich auf eine Bank. Er lehnte sich tief atmend zurück und ein Teil seines Armes verschwand hinter ihrem Rücken. Ganz nah und doch ein wenig fern. Sie fand keine Worte, sie war voll von dem Gefühl für ihn, das sie seit der ersten Sekunde erlebte, auch er schweig. Sie saßen einfach nur da, als sei es das Selbstverständlichste, dabei war es das allererste Mal, das sie alleine waren und ihre Gefühle ausprobieren konnten. Sie spürte, wie seine Hand sich langsam auf ihren Rücken legte, erst die Wärme, die von dieser Hand ausging, dann die Berührung. Seine Hand auf ihrer Wirbelsäule am Nacken. Alles um sie herum löste sich auf, seine Hand wies sie an, ihren Kopf zu ihm zu wenden, mit einem leichten kleinen Druck seiner Finger, die genau wussten was sie wollten. Dann trafen sie sich wieder, ihre Blicke, sie hatte sich im Laufe des Tages kennengelernt und suchten nun fragend die Auflösung der nächsten Sekunde. Nun übernahmen die Lippen das Kommando, sie betrachteten einander, erforschten sich, wenn erst einmal die Lippen an der Reihe waren, dann gab es kaum noch ein Zögern, dann mischte sich das Verlangen mit ein, das sich meistens nahm, was es brauchte. Die Lippen erkannten die Sehnsucht des Verlangens. Er legte seine auf ihre und der Atem bestimmte die Zeit. Nun mischte sich die Zunge mit ein und schon verschwand sie mit ihm in eine Welt, die nur sie beide kannten. Seine Hand blieb auf ihrem Nacken liegen um zu zeigen, dass er sie wollte, nicht nur auf der Parkbank. Dann hielten sie inne, beide gleichzeitig, als könnte sie jemand erwischen. Beide schauten sich um, doch sahen niemanden, der sie ertappt haben könnte. Dann löste sich seine Hand aus ihrem Nacken und legte sich auf ihre Schulter, während er gleichzeitig die letzte körperliche Distanz zwischen ihnen ausradierte und sie zärtlich an sich zog. Sie legte ihren Kopf an seine Schulter, nur ganz kurz, um sofort aufzuschrecken, weil es sich so wunderbar vertraut anfühlte.
„Wollen wir gehen?“
„Ja“.
„Ich bringe sie nach Hause.“
„Ja. Halt, nein“, da sei ihr Mann. Bei ihm sei seine Frau. Und jetzt?
Die Lippen übernahmen wieder die Herrschaft, gemeinsam mit den Zungen.
Er würde ihr eine Mail schicken, wenn er dürfte.
„Ja“.
„Dann würde sich mal was ergeben“.
Was solle sich ergeben?
Er brachte sie in seinem Auto bis kurz vor ihre Haustür. Und seine Hand wanderte wieder zu ihr.
„Wir sehen uns morgen. Privat jetzt vielleicht ein Du?“
„Ja.“
Im Rücken spürte sie, wie sich die Autotür schloss, ihr Gehör nahm das Wegfahren wahr. Nicht umsehen, sprachen ihre Gedanken. Das Aufschließen der Wohnungstür klang fremd, wie das Sitzen am gewohnten Küchentisch, von dem sie sich nicht mehr erheben konnte. Als ihr Mann die Tür aufsperrte, schreckte sie hoch. Ja, habe sie, ja es war ein schöner Tag. Sie ging ins Bett, lesen, sagte sie. Sie lass in ihren Gedanken was wohl noch kommen möge, bis sie am nächsten Tag wieder vor ihren Chef stand.
„Hallo“.
„Morgen. Gut geschlafen?“
„Ja“.
Was sollte sie sagen? Es schienen ihre Lippen zu sein, die sprachen, die Lippen, die seinen begegnet waren. Verlangen legte sich über ihren Körper. Eine Besprechung rettete sie, da sie ihn anschauen konnte, ohne dass es komisch aussah. Der Teil ihres beruflichen Ergebnisses wurde von ihm vorgetragen mit der Hiobsbotschaft einer darauf folgenden Geschäftsreise in der nächsten Zeit. Die Teamarbeit sei gut gelaufen.
Die Worte echoten durch ihren Kopf, der Kopf, der in ihrem Leben nun einen neuen Platz einnahm, nicht sichtbar, doch schien der Inhalt desselben vollkommen durcheinander geraten. Wie viele Geschäftsreisen würde es geben? Wohin würde sie treiben? Wie Bunt sollte ihr innerer Rhododendron blühen? Niemand wusste es, niemand.