Pegasus

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Verein für kreatives Schreiben e.V.

Begegnung mit dem König der Wälder

von Juliane Reister


„Mutter, was ist Urlaub?“ Sie überlegte kurz. „Wir sagen dazu Ferien“. Also war es etwas Wunderbares, denn ich brauchte nicht in die Schule zu gehen. So sahen bei uns Ferien in den fünfziger Jahren aus.
Im August hieß das „Ab auf die Hütte“ ohne Strom und vor der Tür ein Brunnentrog mit Quellwasserzulauf. Jeder legte sein Bettzeug zusammen, dazu eine Hose und zwei Hemden, die Zahnbürste. Alles umschlungen mit dem Betttuch, vier Knoten hielten es fest, fertig war das Reisegepäck. Fünf Kinder, fünf Betten, in der Mitte der Hund und die Ziehharmonika, und ab ging unsere Urlaubsreise 10 km von zu Hause weg in einen großen Wald voller Abenteuer auf den Kaltenbronn im Schwarzwald. Bei der Ankunft wurde ein wenig um die Zuteilung der Stockbetten gestritten, und dann herrschte nur noch Freiheit.
Jedes Jahr um den 20. August rief Vater uns größere Kinder zur „Lagebesprechung“. Wir wussten, was kam, es wurde ernst. Mit einer gewissen Feierlichkeit erklärte er uns, dass sein Revier ein Besonderes sei, in dem viele starke Hirsche ihren Einstand hätten. Einige berühmte Männer wollten das Revier erleben und eventuell auch einen kapitalen Hirsch schießen. Da die Brunft, die Paarungszeit im September, immer näher kam, und sich etliche Herren bereits angemeldet hatten, um das liebestolle Brunftgeschrei und auf den Lichtungen Rivalitätskämpfe zu erleben, musste jeden Abend ein Hochsitz besetzt sein. Wo befanden sich die Könige des Waldes? Jeden Nachmittag wurden wir von Vater oder einem Revierförster gegen fünf Uhr, und erneut jeden Morgen um sechs Uhr an einem Hochsitz abgesetzt. Jeder bekam seinen eigenen. Mein Hochsitz war für einen prominenten Herrn aus Bonn vorgesehen, der hier einen kapitalen Hirsch schießen wollte. Allerhöchste Aufmerksamkeit war gefordert Unbeweglich schaute ich mit scharfem Auge auf die vor mir liegende Wiese. Es passierte gar nichts, außer, dass die Mücken sich am Blut aus meiner Wange labten. Es dämmerte. War da nicht ein Schatten, der sich bewegte? Meine Aufregung stieg. Wegschauen und wieder hinschauen, hatte er sich zwischenzeitlich verändert – nein. Also ein Baumstamm. Durch ein leises Knacken wurde ich wieder hellwach. Der letzte Vogel piepste sein Nachtgebet und dann herrschte Ruhe im Wald – bis mich der verabredete Kuckucksruf zum Abbauen, also zum Verlassen des Hochsitzes, mahnte und ich abgeholt wurde. Abende und frühe Morgenstunden lang verbrachte ich auf der Kanzel, ohne einen Hirsch auch nur zu ahnen. Mal ein Füchslein, ein Reh oder eine Hasenfamilie, das war alles. Mein Vater zeigte sich ungeduldig. Doch dann, es war bereits Anfang September, stand er, kaum war ich auf meinen Hochsitz geklettert, vor mir. Lautlos war ein kapitaler Hirsch auf die Wiese gezogen. Er hob sein Geweih, und ich konnte ganz schnell zählen, wie viele Enden es zierte, ob sie weiß waren, also war er alt. Oder war er jung, ob er einen grauen Bart hatte, war seine Stimme tief oder hell. Ich war ja so aufgeregt. Und so berichtete ich bei der „Lagebesprechung“, was ich gesehen und gehört hatte. Zur Bestätigung saß ich am nächsten Abend auf demselben Hochsitz. Doch es blieb alles ruhig bis die Schatten lang wurden. Als ich schon den Kuckucksruf erwartete, bewegte sich etwas auf der Lichtung vor mir. Ich hob mein Fernglas ans Auge und sah ein seltsames Tier. Wie gewohnt prüfte ich die Güte des Geweihs und zählte nur zwei Enden, Hauer in einem Hasengesicht, Hühnerklauen und Schweineohren. Sah ich Gespenster, war der starke Hirsch gestern nur Wunschdenken gewesen? Nach bewährter Manier schaute ich hin, dann weg und wieder hin. Es stand da, unbeweglich. Endlich kam der Kuckucksruf. Aufgeregt kletterte ich die Leiter hinunter. Da stand Erwin, der Revierförster aus Bayern, mit einem breiten Grinsen auf dem Gesicht: Na, Försterchristel, host heit wieder an starken Hirsch g’seh‘n? Warum lachte er mich aus? Er war doch mein Freund. Warum kränkte er mich? Ich wusste genau, dass ich am Abend zuvor einen starken Hirsch gesehen hatte. „Ich werde Vater von dem „8-Ender“ berichten“. Mein Trotz wandelte sich in Ärger. Erwin machte sich weiter über mich lustig und sammelte seinen Wolpertinger ein. Nach kurzer gemeinsamer Wegstrecke Richtung Auto und „Du hast sicher einen starken Hirsch gesehen“ , war der Ärger verflogen. Schließlich lachten wir beide waidgerecht ganz leise, um das Wild nicht zu stören. Die Begebenheit blieb unser Geheimnis. „Mein Hirsch“ wurde im selben Herbst 1956 von meinem Hochsitz aus von Eugen Gerstenmaier ,dem damaligen Bundestagspräsidenten erlegt. Als ich Erwin Jahre später auf meiner ersten Urlaubsreise nach Bayern in seinem Heim in Bad Tölz besuchte, schenkte er mir den Wolpertinger und begleitete unser Geheimnis mit dem Ruf des Kuckucks.